INTO THE WHITE

INTO THE WHITE / COMRADE / CROSS OF HONOUR – Bundesstart 31.01.2013

Großes Kino kann in den kleinsten Räumen stattfinden. Und die Zutaten sind denkbar einfach, wenngleich nicht einfach umzusetzen. Eine ehrliche Geschichte, die ohne Übertreibungen auskommt, Darsteller, die auch ohne Dialog zu vermitteln verstehen, und ein technisches Team, das Kino mehr als Kunst anstelle von Handwerk versteht. Regisseur Petter Naess steckt drei Deutsche und zwei Engländer in eine norwegische Jagdhütte und lässt den Dingen ihren Lauf. Zweiter Weltkrieg, in den unendlichen Einöden Norwegens schießen sich zwei Jagdbomber gegenseitig vom Himmel. Die fünf Überlebenden können einzig in einer Jagdhütte Zuflucht finden, und sofort beginnt unter den Gegner ein Kautz-und-Maus-Spiel um die Oberhand. Sehr kompliziert ist die Handlung nicht, was im Verlauf passieren wird, ist leicht vorhersehbar. Aber trotzdem ist INTO THE WHITE durch seine Menschlichkeit ein sehr spannender Film, der im Übrigen auf einer wahren Begebenheit beruht. Aus der gegenseitigen Verachtung erwächst zögerlich Verständnis, aus Misstrauen entwickelt sich Wertschätzung. Die Hütte bietet anfangs noch Schutz gegen die eisigen Temperaturen, aber der Holzvorrat neigt sich ebenso schnell, wie die Aussicht auf Nahrung.

Es gibt nur wenige Außenaufnahmen in INTO THE WHITE, und nur eine, die wirklich von Bedeutung ist. Vier der fünf Soldaten beobachten die erhabenen Polarlichter. Und ohne dass es thematisiert werden muss, ändert das die Menschen signifikant. Solche Momente gelingen Petter Naess immer wieder, ohne auch nur einmal dem Pathos zu verfallen. Das macht den Film sehr spannend. Nicht vom Handlungsablauf  her, sondern wegen der Entwicklung seiner Figuren. Kameramann Daniel Voldheim hat im vielleicht fünf mal sieben Meter großen Interieur grandioses geleistet. Mehr als zwei Drittel spielt der Film innerhalb der Hütte und Voldheim schafft es, in keinem seiner Bildern Langweile aufkommen zu lassen. Großes Kino kann eben in den kleinsten Räumen stattfinden, gerade wenn man mit dem richtigen Team arbeitet. Hier muss INTO THE WHITE bei den Darstellern leider Abstriche machen. Es ist unverständlich, dass Stieg Henrik Hoff als Deutscher besetzt wurde. Zweifellos ein guter Schauspieler, scheitert seine Figur leider am norwegischen Akzent des deutsch sprechenden Darstellers. Und es zeigt sich erneut, warum Rupert Grint noch einige Zeit in der zweiten Reihe verbringen muss. David Kross schlägt in eine ähnliche Kerbe, und fungiert eher als nervender Stichwortgeber, anstatt darstellerisch zu überzeugen.

Es bleibt fraglich, warum das skandinavische Kino noch immer so geringschätzig behandelt wird. Mit INTO THE WHITE gibt es erneut den Beweis, dass diese Länder den amerikanischen Studioproduktionen durchaus das Wasser reichen können, ohne diese imitieren, oder auf eine eigene Handschrift verzichten zu müssen. Mit dem Geschick von Petter Naess ist mit einem überragenden Florian Lukas und dem charismatischen Lachlan Nieboer ein tiefgründiger Film über Menschlichkeit und innere Größe gelungen, der eine weitere Verbreitung in deutschen Kino verdient hätte. In England ist er bereits völlig unbeachtet unter dem Titel CROSS OF HONOUR im Oktober auf DVD erschienen.

1977 erhielt der von Lukas gespielte Horst Schopis in München einen Anruf, es war der von Nieboer gespielte Davenport, der Schopis nach London einlud, wo sie sich als Freunde trafen, und es blieben.

(nach IMDb)
Darsteller: Florian Lukas, David Kross, Stig Henrik Hoff, Lachlan Nieboer, Rubert Grint, Kim Haugen, Knut Joner, Morten Faldass, Sondre Krogtoft Larsen u.a.
Regie: Petter Naess
Drehbuch: Ole Meldgaard, Dave Mango, Petter Naess
Kamera: Daniel Voldheim
Bildschnitt: Frida Eggum Michaelsen
Produktionsdesign: Udo Kramer
Norwegen-Schweden / 2012
zirka 100 Minuten

Bildquelle: Scanbox Entertainment / Capelight Pictures

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