ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN

Me-Earl-Dying-Girl-1, Copyright Twentieth Century Fox of GermanyME AND EARL AND THE DYING GIRL
Bundesstart 19.11.2015

Die Besprechung basiert auf der amerikanischen BluRay-Fassung in englischer Sprache

Alfonso Gomez-Rejon hat zwölf Folgen von AMERICAN HORROR STORY inszeniert, und das gar nicht einmal so schlechte Remake von WARTE, BIS ES DUNKEL WIRD. Im Horror-Genre ist Gomez-Rejon also routiniert. Das ist natürlich nicht unbedingt auf ein romantisches Drama zu übertragen. Es sei denn, der Regisseur versteht etwas von seinem Metier, und Film im Allgemeinen. Und das ausgerechnet bei Jesse Andrews Debut- und bisher einzigem Roman. Ein mit leichter Hand erzähltes, aber unter die Haut gehendes Jugendbuch, welches in Deutschland erst 10 Tage vor Filmstart aufgelegt wurde. Für die Filmfassung ist das nicht sehr förderlich, wird dieser schließlich weniger Aufmerksamkeit zuteil als sie verdienen müsste. Denn Regisseur Alfonso Gomez-Rejon versteht etwas von seinem Metier, und Film im Allgemeinen.

Greg manövriert sich sehr geschickt durch die High-School. Er ist Mitglied in allen Gruppen der Schule, wird somit also von allen in Ruhe gelassen. Und genau das ist es was er damit beabsichtigte. Mit seinem versponnenen Kumpel dreht er Parodien von Hollywood-Klassikern. Eine Herausforderung für die deutsche Synchronisation, wenn Titel wie ‘Death in Tennis’ von TOD IN VENEDIG übersetzt werden müssen, oder ‘Die Sieben Robben’ von DAS SIEBTE SIEGEL. Wird gewiss nicht so witzig. Aber Gregs geregeltes Leben wird auf den Kopf gestellt, als seine Mutter ihn zwingt, die gleichaltrige Nachbarstochter Rachel zu besuchen, bei der Leukämie diagnostiziert wurde. Greg und Rachel sind sich einig, das niemand den anderen braucht, tun aber wenigstens den Eltern einen Gefallen. Es kommt wie es kommen muss. Aber anders als man denkt.

Immer wieder führt der Ich-Erzähler Greg den Zuschauer an der Nase herum. Aber das tut er nicht, um falsche Fährten zu setzen, sondern es ist einfach seine Art zu erzählen. Und schließlich ist Greg auch in sozialer Hinsicht nicht der Stärkste. Aber er ist sympathisch, und das kann Regisseur Gomez-Rejon sehr gut inszenieren, um ihn dem Zuschauer auch sehr nahe zu bringen, und seine Unzulänglichkeiten akzeptabel zu machen. Aber Thomas Mann verkörpert nicht die einzige starke Figur. Und dies ist das wirklich Besondere bei diesem Film, er strotzt vor skurrilen und klischeebefreiten Nebencharaktere, die einfach funktionieren und auch perfekt ankommen. Viel Zeit wird den jeweiligen Figuren nicht eingeräumt, es ist ja Gregs Geschichte, aber sie wissen diese Zeit zu nutzen. Zudem sind sie so in die Handlung eingewoben, das sie nicht einzelne Episoden bestreiten, sondern durchweg immer wieder auftauchen. So werden sie auch zu glaubwürdigen festen Bestandteilen in Gregs Umfeld, ohne zur Nummernrevue zu verkommen.

Kameramann Chung-hoo Chung versucht sich an ein paar Tricks. So lässt er ab und an in extremen Weitwinkelaufnahmen die Linien am äußeren Bildrand kippen, was durchaus die Unsicherheit der Protagonisten unterstreicht, aber sich dann doch nicht so als unterstützendes Element behaupten kann. Aber da hätte man bei Alfonso Gomez-Rejons Inszenierung sowieso keine Bedenken haben müssen. Es war ein offensichtlicher Vorteil, das Jesse Andrews selbst seinen Roman adaptiert hat. Beide haben einen Jugendroman zu einem Film gemacht, der für alle Altersklassen wunderbare, ehrliche Unterhaltung bietet. Wo sich Drama und Humor ausgezeichnet die Waage halten, alles gespickt mit herrlich überraschenden Einfällen. So kommt alles, wie es kommen muss. Aber anders als man denkt.

Me-Earl-Dying-Girl-2, Copyright Twentieth Century Fox of Germany

Darsteller: Thomas Mann, RJ Cyler, Olivia Cooke, Nick Offerman, Connie Britton, Molly Shannon, Jon Bernthal u.a.
Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Drehbuch: Jesse Andrews, nach seinem Roman
Kamera: Chung-hoon Chung
Bildschnitt: David Trachtenberg
Musik: Brian Eno, Nico Muhly
Produktionsdesign: Gerald Sullivan
USA / 2015
105 Minuten

Bildrechte: Twentieth Century Fox of Germany
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