PILLION

Pillion - (c) WELTKINO Verleih– Bundesstart 26.03.2026
– First Release 28.11.2025 (GB)

Colin ist ein junger Mann aus Bromley, England. Er ist eher schüchtern, und homosexuell. Colins todkranke Mutter Peggy will ihren Sohn glücklich sehen, weswegen sie sich auch um Blind Dates mit anderen Männer für ihn bemüht. Doch bei einem dieser Dates läuft Colin zufällig auch Ray über den Weg – das Abbild eines Mannes. Ray hat klare Vorstellungen von einer Beziehung, die absolut konträr zu dem sind, was Colin bisher erlebt hat. Und Colin ist bereit sich darauf einzulassen. Zuerst verstört, dann verhalten, und letztendlich mit Leidenschaft, denn Ray ist schließlich Alexander Skarsgår – das evidenteste Casting im Kino seit langem. Und eine der Besetzungen, die nicht besser getroffen sein könnte. In Harry Lightons Inszenierung ist dieser Ray auch eher Sinnbild, als tiefgründiger Charakter. „Pillion“ ist Lightons Spielfilmdebüt. Und wie viele unabhängig produzierten Debüts, ist „Pillion“ rau und provozierend.

Das Buch „Box Hill“ von Adam Mars-Jones ist Grundlage für Harry Lightons selbst adaptiertes Drehbuch, welches in der BDSM-Szene angesiedelt ist. Und da ist es schon: „Szene“! Niemand käme auf die Idee zu sagen „Pretty Woman“ spielt in der ‚Hetero-Szene‘. Genau damit spielt der Film aber auch. Und er spielt verdammt raffiniert damit. Das Beziehungskonzept von Dominanz/Unterwerfung ist dem scheuen Colin merklich fremd, in dem sofort klar wird, welche Rolle im zufällt. Ray redet nicht, er befiehlt. Mit jeder neuen Erniedrigung muss nicht nur Colin zurechtkommen.

Lighton erzählt aus der Sicht von Colin, und er bleibt auf Colin. Mit Colin lernt auch ein unbedarftes Hetero-Publikum. Wobei der Spaß am Lernprozess eindeutig bei Colin liegt, während sich ein bestimmter Teil des Publikums sicherlich in Unbehagen winden wird. Colin muss auf dem Boden schlafen, muss kochen, redet nur wenn er gefragt wird, den rohen und harten Sex bestimmt Ray. Colin verändert sich, auch äußerlich, passt sich an. Zuschauende vom Schlag wie Colin und Ray erleben eine der einfühlsamsten Liebesgeschichten seit langem.

Die Frage ist nur, wie lang Colin die Beziehung in dieser Form akzeptiert, und ob es nicht doch irgendwann genug ist. Mutter Peggy ist die einzige, die Ray unangenehme Fragen stellt, weil sie dessen Geheimniskrämerei einfach nicht akzeptieren will. Lesley Sharp ist als selbstlose Mutter einfach fabelhaft. Douglas Hodge spielt den Vater, der den Lebenswandel seines Sohnes nie in Frage stellt. Sharp und Hodge verkörpern somit auch beide Seiten des Publikums. Zwei Seiten welche Rays Charakter beobachten, aber nicht die Art der Beziehung hinterfragen – das ist wichtig.

Pillion 2 - (c) WELTKINO Verleih

Harry Lightons Kameramann Nick Morris hätte ruhig etwas mehr Farbe in den Film bringen können. Die dunklen, manchmal monochrom wirkenden Bilder strahlen selten Freundlichkeit aus, oder gestalten die Atmosphäre unnötig düster. Was aber Morris bemerkenswert umsetzt, sind die Sexszenen. Nicht dezent, eher provokant, aber nicht schockierend. Wenngleich die Puristen so oder so tief durchatmen werden. Doch von der richtigen Perspektive gesehen, ganz natürlicher Sex eben.

„Pillion“ ist aber alles andere als ein Film in dem es um Sex geht. Es ist ein Beziehungsdrama, in dem ein Mann sich selbst finden darf. Und wir dürfen es aus seiner Sicht mit erfahren. Harry Melling bringt dazu die perfekte Unschuld, aber auch Wissbegierde mit. Ihn zu beobachtet, ihn wachsen szu sehen ist wirklich eine menschliche Studie erster Güte. Womit in den finalen Momenten dann auch Colins Glück und seine Zufriedenheit auf uns Zuschauenden überspringt.

Alexander Skarsgård ist selbstredend einfach der perfekte Gegenpart. Auch wenn er – laut Regisseur Lighton – nur wegen seiner Physis besetzt wurde, bringt er sich als unglaublich fesselndes Mysterium auf die Leinwand. Von wegen „nur wegen seines Aussehens“. Wie viele unabhängig produzierte Filmdebüts, ist auch Harry Lightons „Pillion“ herrlich rau und wundervoll provozierend. Aber genau daraus ergibt sich eine sehr sensible Erzählung, die wirklich Herz hat. Pillion ist in Britannien der Soziussitz bei einem Motorrad – und wie Colin – lässt uns Lighton als Beifahrer diese Fahrt genießen.

Pillion 1 - (c) WELTKINO Verleih


Darsteller: Harry Melling, Alexander Skarsgård, Lesley Sharp, Douglas Hodge u.a.

Regie: Harry Lighton
Drehbuch: Harry Lighton, Adam Mars-Jones
Kamera: Nick Morris
Bildschnitt: Gareth C. Scales
Musik: Oliver Coates
Produktionsdesign: Francesca Maasariol
Irland, Großbritannien / 2025
116 Minuten

Bildrechte: WELTKINO Filmverleih
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