Beitrag des Fantasy Filmfest 2025
– Deutschland 16.04.2026 VOD
– DVD / Blu-ray 07.05.2026
– First Release 01.01.2026 (CAN)
Warum ich einen Narren an „We Bury The Dead“ gefressen habe, ist leicht gesagt, aber nicht so leicht erklärt. Zak Hilditchs Film hat mich berührt. Ähnlich wie mich Ralph Fiennes berührt hat, als er in „Bone Temple“ vertrauensvoll mit einem Untoten einen Morphin-Trip genießt. Oder in Romeros „Zombie“, als Peter im belagerten Kaufhaus für Francine und Stephen romantisches Dinner bereitet. Diese kleinen, zuerst unbedeutend scheinenden Momente der Menschlichkeit zeigen, dass sich die Filmemacher etwas mehr gedacht haben, als nur Blut und Gedärm. Und in „We Bury The Dead“ geht es Zak Hilditch in erster Linie um dieses stete Erinnern, dass diese Untoten ebenfalls Kinder, Mütter oder Väter, Liebhaber oder Partner waren – oder vielleicht noch sind. „We Bury The Dead“ ist weder ein „Zombie – Dawn Of The Dead“, noch ein „28…“-Film. Aber er hat viel Neues zu erzählen.
Auf Tasmanien sterben 500.000 Zivilisten an einem elektromagnetischen Puls einer experimentellen Waffe. Die Amerikanerin Ava kommt nach Tasmanien als eine von tausenden an Helfern zur Bergung der Toten. Ihr eigentlicher Hintergrund liegt allerdings im Finden ihres Mannes Mitch, der während der Explosion auf Geschäftsreise in einem Hotel-Resort auf der Insel war. Manche der vermeintlich Verblichenen sind allerdings nicht tot, sondern ähnlich einem Computer, fahren nach dem EMP im abgesicherten Modus wieder hoch. Sie reagieren und artikulieren sich nicht, bleiben in einer Art von Dämmerzustand. Zumindest vorerst – was nicht ‚hochfährt‘ sind ihre individuellen Wesenszüge. Und das macht sie nach einiger Zeit gefährlich.
Die Unterschiede zwischen Zak Hilditchs Untoten und dem klassischen Zombie sind zu Anfang noch gravierend. Ava fühlt sich nach ihrer ersten Begegnung mit einem apathischen Untoten nur noch bestärkt ihren Mitch zu finden. Aber Hilditch kann leider der Versuchung nicht widerstehen, die ‚Hochgefahrenen‘ mit jeder Filmminuten agiler und aggressiver zu machen. Der Filmemacher baut auf die für ihn plausible Erklärung, die Untoten würden weder ihre Situation noch ihr Umfeld verstehen.
Doch Hilditch kann gleich von Anfang an auch sehr gut verständlich machen, worum es ihm im Kern geht. Was er trotz aller Steigerungen nie aus den Augen verliert. Dafür hat er in Daisy Ridley eine perfekte Verbündete gefunden, die mit Gestik und Mimik mehr erreichen kann als mit geschliffenen Dialogen – auf die der Regisseur dann zum Glück auch verzichtet. Der Film breitet ein erstaunlich ruhiges, eher funktionales Szenario aus, wenn wir Ava auf die Insel und schließlich auf ihre ersten vom Militär gesteuerten Bergungen begleiten. Die befremdliche Atmosphäre von nüchternem Pragmatismus reflektiert gleichzeitig das Ausmaß des Schreckens.
Durch die Augen und Erfahrungen von Ava entsteht eine Phase der Reflektion zwischen der Fiktion für die Figuren und der Realität von Zuschauenden. Jedes Haus, das Ava mit ihrem Bergungspartner Clay durchsucht, erzählt auch die Geschichte von denen die darin gelebt haben. Jeder Mensch – oder auch Tier – ist im Moment der Explosion gestorben. Beim Essen, Lesen, Fernsehen, Rasenmähen, oder auch beim Schlafen. Wenn die Untoten im Verlauf immer aggressiver und gefährlicher werden, bleiben sie bei Zak Hilditch dennoch Opfer, und werden nicht etwa Monster.
Der impulsive und abgebrühte Clay bringt Ava schließlich an den Militärblockaden vorbei, in den Süden, wo sie hofft Mitch zu finden – lebendig oder im Sparmodus. Hier dreht sich die Geschichte ein wenig. Nicht nur haben die Toten auch eine Geschichte, sie hinterlassen auch jemanden. Oftmals mit ungeklärten Problemen. Es ist außergewöhnlich, wie gut es dem Film gelingt, ständig einen emotionalen Kontext zu den als Spannungsmomente inszenierten Gefahren durch die Untoten zu finden. Will man „We Bury The Dead“ als Zombie-Film sehen, ist er mit Abstand einer unblutigsten Vertreter seines Genres, mit dem geringsten Anteil an Action.
Dafür bleibt „We Bury The Dead“ hochgradig spannend. Auf der Gefühlsebene und im Erzählen. Auch wenn ausgerechnet im Mittelteil des zweiten Aktes die Sequenz mit einem trauernden Soldaten wie ein plakatives Zugeständnis an genügsame Genrefreunde anmutet. Darauf folgt der Regisseur allerdings in der Camper-Sequenz mit einer der ungewöhnlichsten, weil auch bewegendsten Zombie-Begegnungen in diesem Genre. Dann aber, stellt sich Hilditch immer wieder mit Rückblenden gegen den Fluss seiner straffen Inszenierung. Sie zeigen die Hochzeit und die letzten Gespräche von Ava und Mitch, in denen immer wieder falsche Fährten gelegt werden, und die Auflösung ein vollkommen überraschendes Bild in der Beziehung zeichnen soll. Die Rückblenden lenken nicht nur ab, die Geschichte dahinter ist überhaupt nicht notwendig.
Immer wieder schmälert Zak Hilditch seinen Film selbst, weil er mehr unterbringen möchte, als er wirklich braucht. Das macht „We Bury The Dead“ aber nicht weniger sehenswert. Dafür sorgt nicht einfach nur die fokussierte Inszenierung, sondern das darauf präzisierte Spiel von Daisy Ridley, die ihre Sensibilität nicht aufgeben muss, um als Power-Frau zu überzeugen. Wobei sich ‚überzeugen‘ schon wieder sehr nach Spiel anhört. Ridley ist aber glaubwürdig ist, weil es eben nie nach Spiel aussieht. Was wiederum eine leicht melancholischen Stimmung über den Film legt.
Sicherlich gibt es zwei oder drei visuelle Effekte, die imposant gemeint sind, aber eher das geringe Budget hervorheben. Aber grundsätzlich hat Steve Annis mit seiner Kamera eine sehr intensive Atmosphäre geschaffen. Nicht unbedingt um des Spektakels willen, aber Annis‘ Bilder sind exakt in den richtigen Momenten überwältigend. Sei es den Figuren nahezukommen, die Emotionalität jeder Szenen hervorzuheben, oder die Auswirkungen der Katastrophe auch optisch zu intensivieren. Der elektronische Soundtrack von Clark – hauptsächlich Ambient und Vokalisierung – unterstreichen sehr effektiv die Unsicherheit und den Horror von Charakteren und den Gegebenheiten.
„We Bury The Dead“ ist sicherlich kein perfekter Film. Aber er ist perfekt in seinen Absichten. Und er überzeugt mit seinem Anspruch etwas Neues zu erzählen. Dieser Anspruch ist bei weitem nicht neu – zu empfehlen wäre hier das Schwarzenegger-Vehikel „Maggie“ – aber Zak Hilditch schafft wirklich eine andere Ebene. Ausschlaggebend, warum mich „We Bury The Dead“ letztendlich angesprochen und auch berührt hat – dieses ständige Bewusstsein, welches den Film durchzieht, dass es immer um Menschen geht, egal auf welcher Seite. Dies – und das ausgerechnet in diesem Genre, der Film gerade aus dieser Emotionalität so bemerkenswertes Spannungskino macht.
Darsteller: Daisy Ridley, Brenton Thwaites, Mark Coles Smith, Matt Whelan, Cloe Hurst u.a.
Regie & Drehbuch: Zak Hilditch
Kamera: Steve Annis
Bildschnitt: Merlin Eden
Musik: Clark
Produktionsdesign: Clayton Jauncey
Australien, USA / 2024
94 Minuten


