– Bundesstart 16.04.2026
– First Release 10.10.2025 (US)
14 Jahre nach „Chicago“ als Autor, und 12 Jahre nach „Dreamgirls“ als Autor und Regisseur, wollte es Bill Condon noch einmal wissen. Jetzt kommt „Kiss of the Spider Woman“, konzipiert nach dem Bühnen-Musical – aber auch mit Abstrichen gegenüber der Bühnenfassung. Mit Abstrichen, die Condons Filmadaption an den sensibelsten Stellen der zweigeteilten Geschichte scheitern lässt. Die eine ist die Geschichte von Valentíne und Luis in der Zelle eines argentinischen Gefängnisses, in den letzte Tages des Militärregimes 1983. Die andere ist ein Film-im-Film, in der Eduardo und Kendall in einem schillernden MGM Musical, mit aufdringlichem Technicolor, dem Kuss der Spinnenfrau widerstehen müssen. Der homosexuelle Luis erzählt dem Regimegegner Valentíne diesen Film, in dem Valentíne zu Eduardo, und Luis zu Kendall wird. Die kleine Flucht aus dem Alltag von Schikane und Folter, die zu großer Veränderung führt.
Die zwei Handlungsstränge scheinen streng geteilt, somit sind sie auch jeweils visuell anders gestaltet. Luis und Valentínes Gefängniswelt ist in düsteren Farben und im Format 1,85:1 gefilmt. Eduardo und Kendalls glamouröse Dreißigerjahre erstrahlen in sattem Technicolor, kurz vor der Überzeichnung, und im Academy Format 1,33:1. Die Bildformate sind sicherlich der richtigen Zeit der jeweiligen Erzählebene zugeteilt, atmosphärisch wäre es allerdings angebrachter, das kleinere Bildfenster auch den eingeschränkten Räumlichkeiten einer Zelle zuzuweisen.
Dennoch macht Tobias Schliessler sehr viel aus den jeweiligen Settings. Seine Kamera findet in der Enge der Zelle immer neue Perspektiven und Blickwinkel, welche die Emotionen der Figuren unterstreichen. Wirklich erstaunlich sind die Film-im-Film Sequenzen, in denen Schliessler auch einen vollkommen anderen Film gestaltet. Es ist eine Reise rückwärts in die Zeit der großen Musicals mit ihren sichtlich künstlichen Studiobauten und grellen Farben. Besonderer Clou und herrlich anzusehen sind die Tanz-Choreografien, die jeweils in einer Einstellung gedreht sind.
Bill Condon hat mit einem extrem engagierten Team unter der Führung von Produktionsdesigner Scott Chambliss und Schliesslers Bildgestaltung zwei absolut konträre, und in sich stimmige Welten geschaffen. Aber Condon bringt diese zwei Welten nie richtig zusammen, was allerdings für die Erzählung essenziell wäre. Auftritt: Jennifer Lopez. Die ewig junge Lopez übernimmt gleich drei Rollen. In der Gegenwart ist sie die Schauspielerin Ingrid Luna und im Film-im-Film ihre Alter Egos Aurora und die Spinnenfrau. Wobei Aurora und die Spinnenfrau die eigentliche Brücke zur Gegenwart schlagen sollte. In diesen beiden Charakteren manifestiert sich die Wahrheit – aber auch das Dilemma – von Luis‘ eigentlichem Grund der Inhaftierung.
Interpretationen eines bereits mehrfach behandelten Stoffes sind gut und auch notwendig, doch nur wenn sie dem Stoff selbst nicht im Weg stehen. Und Bill Condon steht sich selbst im Weg, wenn er die beiden Welten strikt trennt. Lediglich an zwei Stellen geht der Gesang kurz vom Film-im-Film in die Gegenwart über. Zu wenig, um die Allegorie angemessen greifen zu lassen – weder in die eine, noch in die andere Richtung. Die Bühnenfassung macht diese Übergänge fließend, womit Valentínes weltanschauliche Umkehr und Luis‘ Sinneswandel auch nachvollziehbar werden.
Und dann ist da Diego Luna, der in „Andor“ schon einmal erfolgreich einen Revoluzzer gespielt hat. Doch Regisseur Condon gibt ihm hier wenig Zeit und Raum die zwei Seiten des ideologischen Kämpfers glaubwürdig zu machen. Noch viel weniger funktioniert Valentínes überraschend eindeutiges Bekenntnis in der Beziehung zu Luis. Dieser Film lässt keinen Opportunismus in seinen Figuren zu, sondern will eine Welt der möglichen Hoffnung propagieren – die er aber am Ende selbst zerstört.
Es war die Möglichkeit eines großartigen Musicals, aber auch eines mitreißenden Dramas. Doch es sind immer wieder diese Kleinigkeiten, die sich zu größeren Problemen in der Dramaturgie auftun. Unglaublich herrlicher Kitsch, fabelhafte Tanznummern, großes und doch intimes Drama, technisch tadellose Umsetzung. Nur scheitert diese Fassung von „Kiss of the Spider Woman“ an seinen sensibelsten Stellen: Zwei eigentlich perfekt inszenierte Welten zu verbinden, und Valentíne glaubwürdig zu halten. Bill Condon wollte es noch einmal wissen, und jetzt weiß er es. Zumindest ist da eine temperamentvolle und mitreißend anmutige Jennifer Lopez – die ewig junge J.Lo.
Darsteller: Diego Luna, Tonatiuh, Jennifer Lopez, Bruno Bichir u.a.
Regie & Drehbuch: Bill Condon
nach dem Bühnen-Musical von Terrence McNally
Musik: John Kander
Lyrics: Fred EbbKamera: Tobias Schliessler
Bildschnitt: Brian A. Kates
Score: Sam Davis
Produktionsdesign: Scott Chambliss
Mexiko, USA / 2025
129 Minuten

