– Bundesstart 28.05.2026
– First-Release 20.05.2026 (BLG)
Das André Øvredal mit seinem 2010er Hit „Troll Hunter“ so viel Erfolg hatte, war nicht unbedingt seiner Inszenierung zu verdanken. Der Norweger kam einfach mit einer erfrischend neuen Idee für das Monstergenre. Das aber André Øvredal mit „Passenger“ weniger Glück hat, liegt allerdings an seiner Inszenierung. Weil sich der Norweger an einem uralten Konzept des Horrorfilms versucht. Idee und Drehbuch stammen von Zachary Donohue und T.W. Burgess, wobei die Sache mit der ‚Idee‘ dann schon wieder etwas schwammig wird. Wir haben alle Spielbergs „Duel“ gesehen, oder „Jeepers Creepers“. Road-Movies bei denen unbedarfte Menschen aus unbekannten Gründen einem nicht enden wollenden Straßenterror ausgesetzt sind. Und wir kennen den modernen Klassiker „It Follows“, in dem das Böse an Andere weitergegeben wird. Filmbeispiele dieser Art lassen sich bis in die Anfänge des Kinos zurückverfolgen. Diese Konzepte vereint, ergibt „Passenger“. Und André Øvredal ist nicht sehr überzeugend damit.
Maddie und Tyler geben ihren Wohlstand in New York auf. Sie möchten mit einem selbst zum Wohnmobil umgebauten Lieferwagen übers Land ziehen. Gespielt werden sie von Lou Llobell und Jacob Scipio, zwei sympathische und attraktive Darsteller, deren großer Kinodurchbruch mangels guter Filme noch aussteht. „Passenger“ wird auch nicht dieser Durchbruch – dazu fehlt ihnen schlichtweg die Chemie, um dieses abenteuerlustige und vor allem schwer verliebte Paar glaubwürdig zu machen. Gerade in einem Horrorstreifen, der im Kern lediglich auf zwei Personen ausgerichtet ist.
Maddie und Tyler sind bereits einige Wochen auf der Straße, als sie in einer Nacht an einem Unfall vorbeikommen, bei dem der Fahrer vor ihren Augen stirbt. Wir als Zuschauende wissen Bescheid, es ist Fahrer und Wagen, aus der Teaser-Sequence zu Anfang. Es braucht auch nicht viel um sich der Konsequenzen dieses blutigen Zwischenstopps bewusst zu werden. Fortan begleitet eine dämonische Entität das Paar, welche sie terrorisiert, und beide sterben lassen will, um zu den nächsten Opfern zu wechseln. Maddie und Tyler suchen Hilfe bei anderen Nomaden entlang der Straße, und die sind tatsächlich mit dem Fluch des ‚Passagiers‘ vertraut.
Es könnte ein wundervoll schauriges Kammerspiel auf offener Straße sein. Und der Film fällt auch mit drei Sequenzen auf, die – sorgsamer inszeniert – wirklich ikonisch sein könnten. Könnten. Das von einem Videobeamer projizierte Gesicht von Gregory Peck welches in das Gesicht des Dämons übergeht hat einfach Kultpotential. Die unstete Inszenierung von Øvredal hat dieses Potential nicht. In seinen Spannungssequenzen verliert der Regisseur immer vollständig das Gefühl für einen stimmigen Zeitablauf. Vielleicht wollte er mit einer zeitlichen Dehnung den Spannungsbogen erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall, und lässt nur Zeit für mehr Fragen.
Somit wirft auch der Showdown in seiner künstlich gezogenen Länge die Frage auf, ob sich der Regisseur über die Räumlichkeit seiner Drehorte überhaupt bewusst war. Spannung ist nicht die Stärke von Øvredal, was er dafür mit aberwitzigen Jump-Scares versucht wett zu machen. Selten – oder noch nie – waren solche Schreckmomente mit so infernalisch überreizten Toneffekten überlegt. Und selten waren Jump-Scares derart unsinnig, und unmotiviert eingesetzt – noch dazu in diesem Übermaß. Das steht den wenigen, wirklich gut gesetzten Schocks in ihrer Effektivität gewaltig im Weg.
Die Kameraarbeit von Federico Verardi schwankt tatsächlich zwischen brillant, hauptsächlich in den nächtlichen Fahrszenen, und äußerst selbstgefällig in den Spannungsmomenten. Das sich Verardi in 360°-Schwenks verliebt hat, wird gleich in den ersten zehn Minuten deutlich. Solche Schwenks können durchaus im Spannungsaufbau sehr wirksam sein. Wenn aber gleich vier oder mehr dieser Rundumschwenks direkt hintereinander geschnitten werden, lässt sich kein künstlerischer Nährwert mehr erkennen. Woran der Film letztendlich krankt, sind genau solche, hier ständig unabhängig voneinander umgesetzten Elemente des Horrorfilms, die eigentlich inszenatorisch zusammengefasst sein müssten, um effektiv zu funktionieren.
„Passenger“ ist einer dieser Filme, die jemand für das erste Date aussucht, bei denen die Aufmerksamkeitsspanne auch unterbrochen werden kann. Er ist auch gutes Vehikel, sich die Langeweile zu vertreiben. André Øvredal hat keinen Film gemacht, der ein kundiges Genrepublikum zufriedenstellen wird. Immerhin ist dies ein Film mit Melissa Leo, allerdings lässt die Geschichte ihre Figur der Nomadin Diana zur austauschbaren Stichwortgeberin verkommen. Und der Regisseur nutzt weder die klaustrophobische Enge des Wohnmobils, noch die einsame Weite des offenen Landes.
Dazu gesellen sich ständig aufkommende Zufälligkeiten – wie unter anderem die Entdeckung der ‚Gaunerzinken‘ – die einfach nur B-Movie-Qualität haben, oder auch weniger. Einzig ständig eingestreute Zufälle bringen die Handlung voran. Die Einfallslosigkeit in der Kreation des von Joseph Lopez gespielten ‚Passagiers‘ ist auch nicht förderlich. Da hat Rudger Hauer in „The Hitcher“ weit besser ausgesehen.
Darsteller: Lou Llobell, Jacob Scipio, Melissa Leo, Joseph Lopez u.a.
Regie: André Øvredal
Drehbuch: Zachary Donohue, T.W. Burgess
Kamera: Federico Verardi
Bildschnitt: Martin Bernfeld
Musik: Christopher Young
Produktionsdesign: Sean Haworth
USA / 2026
94 Minuten

