– World-Release 24.06.2026
Ein junges Mädchen heuert einen versoffenen Revolverhelden an, um den Mörder ihrer Eltern zu jagen und zu töten. Nach dem Genuss des jüngsten Streichs aus ‚James Gunns DC Universe‘, wird einem dieser Plot bekannt vorkommen. Eigentlich ist es die Prämisse von Charles Portis‘ schon zweimal verfilmten Roman ‚True Grit – Die mutige Mattie‘ von 1968. Anstelle von John Wayne oder Jeff Bridges, schlüpft die 26-jährige Australierin Milly Alcock in die Rolle des versoffenen Helden wider Willen. Nur, dass ihr das Drehbuch dann doch einen Willen hinzu dichtet, um den Film mehr Fülle zu geben – und davon abzulenken, wie wenig Inhalt Craig Gillespies „Supergirl“ tatsächlich hat. Irgendwo auf einem erdfernen Planeten tötet der marodierende ‚Krem von den gelben Hügeln‘ mit seinen Brigandern die Eltern der jungen Ruthye Marye Knoll. Die sucht Hilfe bei der ständig verkaterten Kara Zor-El, auf der Erde bekannt als Supergirl. Noch während Kara die Hilfeleistung ablehnt, wird ihr Hund Krypto vom bösen Krem vergiftet. Es wird also doch persönlich.
Das Teaser-Finale von „Superman (2025)“ hat angekündigt was von der Neufassung der Comic-Heldin Kara Jor-El zu erwarten ist – und Regisseur Craig Gillespie enttäuscht in dieser Beziehung nicht. Enttäuschend ist eher, dass Gillespie der Mann ist, der auch „Lars and the Real Girl“ inszeniert hat, aber mit der Figur der Kara Jor-El so wenig anzufangen weiß. Eine junge Frau, die den endgültigen Niedergang ihrer Zivilisation und den Tod ihrer Eltern durchleben musste, als ihr Cousin Kal-El schon längst wohlbehütet auf der Erde heimisch wurde. Eine junge Frau, die ihren 23. Geburtstag alleine feiert, und dabei von Spelunke zu Spelunke zieht, auf Planeten mit roter Sonne. Rote Sonnen geben ihr keine Superkräfte, somit knallt der Schnaps auch richtig.
Punk-Rock ist das Leitmotiv – vom Inhalt bis zur musikalischen Untermalung. Deswegen Songs von Wolf Alice und Eagles of Death Metal bis Wet Leg, und Kara trägt auch ein verwaschenes Blondie T-Shirt, damit es schön offensichtlich bleibt. Die Sprüche sind ultra-cool – in jeder der vorhersehbaren Konfrontationen. Das gesamte Produktions- und Kostümdesign schreit förmlich nach Mad Max. Und so lässt sich der Supergirl auch am besten beschreiben. Er ist wie „Mad Max, nur ohne das Momentum. Oder auch wie „Guardians of the Galaxy“, nur ohne den Witz. Ein bisschen wie „Logan“, nur ohne Emotionen. Wie „Superman (’25)“, aber ohne ‚Sense of Wonder‘.
Die Vorlage von Drehbuchdebütantin Ana Nogueira ist mit Abstand das uninspirierteste und unangenehmste Script im aktuellen Mainstream. Man sieht die vielen Möglichkeiten, manche sind sogar gut angeschnitten. Doch das alles löst sich letztendlich stets in einen Film auf, der sich ausnimmt wie von Dreizehnjährigen für Dreizehnjährige gemacht. Wer nur ein bisschen Einblick in Franchise-Strukturen hat, kann auch erahnen, dass die verheerende Trivialität nicht allein Nogueiras schuld sein muss. Schließlich versteht sich Studiochef James Gunn auch als Kevin Feige des DC Universe.
Die aufdringliche Moralpredigt, mit der Kara ihren Schützling Ruthye immer wieder vor der angestrebten Selbstjustiz schützen will, ist nicht nur ermüdend, sondern auch unpassend naiv (was die deutsche Synchronisation noch verschlimmert). Milly Alcock und Eve Ridley, zwei Darstellerinnen mit spürbarem Talent um derartige Rollen ohne Mühen bravourös auszufüllen. Und dann werden sie mit emotionalem Standard-Kitsch alleine gelassen. In den Actionszenen hingegen verlieren sie sich in einem wirren Durcheinander zwischen überzogener Coolness und unübersichtlicher Inszenierung. Action bedeutet hier Aneinanderreihung von spektakulären Bildern, die großartig aussehen sollen, aber ihre Wirkung in inkohärenten Schnittfolgen verlieren.
Michael Schoenaerts („Der Geschmack von Rost und Knochen“), eigentlich ein begnadeter Schauspieler, müht sich in seiner Antagonisten-Rolle des ‚Krem von den gelben Hügeln‘ redlich, aber vergeblich. Besonders Freunde der Vorlage dürften über seine Maskendesign erbost sein, dass gar nichts mehr mit dem Original zu tun hat, aber auch für den Film selbst – mit den unzähligen Gesichtsapplikationen – eher gewollt als gekonnt aussieht. Und damit will Schoenaerts als psychopathischster aller psychopathischen Bösewichtern auftreten. Aber der Belgier wirkt in seiner überzogenen Art anstatt bedrohlich eher peinlich – und erst recht nicht überzeugend.
Wie spannend kann ein Film sein, in dem es emotional gesehen in erster Linie darum geht, den zweifelsfrei beliebtesten Charakter des neu gestarteten DC Universe zu retten. Vorgeschoben wird natürlich Ruthyes Rachefeldzug gegen Krem. Damit dieser Feldzug aber auf den Weg kommt, wird Hund Krypto von einem Giftpfeil getroffen, und Kara bleiben drei Tage um Krem das Gegengift zu entreißen. Da tritt Ruthye selbstredend in den Hintergrund. Spannung baut sich dennoch nicht auf, weil es schlichtweg verrückt wäre zu glauben, Krypto könnte tatsächlich sterben.
„Supergirl“ ist ein einziges Fiasko. Kein technisches oder künstlerisches Element will wirklich funktionieren, geschweige denn, dass diese irgendwie zusammenfinden. Ein Glanzpunkt ist vielleicht noch Krypto – was sich auch etwas mit dem Witz relativiert, wenn sich der Hund auf ein Bild von Superman entleert. Der CGI-Hund ist prima, der Gag ist für Vorpubertierende. Wenn sich Lois und Clark in „Superman (’25)“ darüber streiten, wer von beiden in seiner Jugend wirklich ‚Punk-Rock‘ war, ist das ein toller Witz. Denn es trifft auf keinen von beiden wirklich zu. Allerdings – wie sich herausstellt – war es ein Vorgeschmack auf das, was sich Frontrunner James Gunn unter „Supergirl“ vorgestellt haben mag, aber Ana Nogueira und Craig Gillespie nicht liefern. Ein ausgewaschenes Blondie-T-Shirt reicht dafür eben nicht aus.
Darsteller: Milly Alcock, Michael Schoenaerts, Eve Ridley, David Krumholtz, Emily Beecham, David Corenswet, Jason Momoa u.a.
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Ana Nogueira
Kamera: Rob Hardy
Bildschnitt: Fred Raskin, Tatiana S. Riegel
Musik: Claudia Sarne
Produktionsdesign: Neil Lamont
USA / 2026
107 Minuten

