KOTA – a.k.a. HEN
– Bundesstart 06.08.2026
– Release 02.04.2026 (HUN)
Der Disclaimer kommt reichlich spät, nämlich am Ende des Abspanns. Keinem Tier sei Leid für diesen Film angetan worden. Doch selbst dann bleibt nach dem jüngsten Werk des ungarischen Filmemachers György Pálfi ein leicht bitterer Nachgeschmack. In manchen Szenen des Films ist es eben nur schwer vorstellbar. Auf der anderen Seite überrascht dieses kleine Wunderwerk in allen Bereichen, von seiner Idee, zur Geschichte, hin zur technischen Umsetzung. Es ist also alles möglich in diesem Film, weshalb dann auch erst einmal die Unschuldsvermutung greifen soll. Die Hauptdarstellerinnen haben ob ihrer großartigen Leistung auch jeden Respekt verdient, wenn sie aus der Sicht eines Huhnes die Welt betrachten, und dabei einen leidvollen Weg beschreiten. Anett, Enci, Enico, Eszti, Eti, Feri, Nora und Szandi heißen die acht schwarzen Leghorn-Hühner, welche die Hauptfigur darstellen.
Nennen wir sie Kota, diese Henne. Das ist das griechische Wort für Huhn, ist aber im Ausdruck noch fremd genug, um als Eigenname durchzugehen. Kota kommt in einer Lege- und Eierfabrik auf die Welt. Und vom ersten Bild an, bis zum Abspann bestimmt das visuelle Konzept von Giorgos Karvelas den Film. Im 2,39:1 Format, zaubert Karvelas bestechende Bilder mit durchweg strahlenden Farben, starken Kontrasten und perfekten Bildausschnitten. Es gibt kein zufälliges Bild in diesem Film. 80% der Einstellungen sind aus der Augenhöhe von Kota gefilmt, der Rest sind erzählerische Erweiterungen. In der Montage schneidet Réka Lemhényi diese grandiosen Bilder zu einem makellosen Fluss von mitreißender Visualität.
Doch Kota ist ein schwarzes Huhn, und wird deswegen aussortiert. Anstatt im Kochtopf zu landen, findet sie sich bald in Freiheit. Nicht wegen ihres Freiheitswillen, sondern durch ihre unbekümmerte Neugierde. Der Regisseur kommt erst gar nicht darauf, dem Tier etwas Anthropomorphisches anzudichten. Kota darf einfach Huhn bleiben, wie Hühner eben so sind. Manchmal nicht ganz gescheit, und meist mit viel Glück. Und dasselbe gilt für die menschlichen Darsteller, die einfach nur Menschen sind – mit wenig Respekt vor Tieren. Kota gelangt auf spannenden Umwegen zu einem heruntergekommen Restaurant, mit einem sehr fragwürdigen Menschenschlag.
Da der Film ausschließlich aus der Sicht von Kota erzählt wird, kann das kriminelle Treiben auf dem Gelände nur im Ansatz überrissen werden. Kota nimmt die Menschen, welche sie gewohnt schlecht behandeln, mit der für ein Huhn stoischen Gelassenheit. Nur der ständig aufdringliche Hahn bereitet ihr Unannehmlichkeiten. Der Film ist manchmal brüllend komisch, und oft auch dramatisch, aber immer hintersinnig. Pálfi inszeniert die Szenen nie auf ihren Maximalen Effekt, sondern alles ergibt sich stimmig aus den Situationen – und aus dem exquisiten Schnitt. Wenn zum Beispiel Kota in schnell geschnittenen Montagen immer wieder versucht zu fliehen, oder zu sehen ist, wie sie ihre Eier vor dem Bauern retten will.
Das Leben der Menschen und des Huhnes werden gegeneinander aufgewogen. Das geschieht auf oftmals subtile Weise, und nie mit dramatisierter Überzeichnung. Vielmehr als das Huhn etwas über die Menschen lernt, lernen wir über die Ansichten eines Huhnes. In einer Szene frisst Kota ein Stück gegrilltes Hühnerfleisch, und einer der Gangster bemerkt trocken, „sie zögern nicht, sich gegenseitig zu essen“. Es ist eine Wahrheit, die in der hier gedachten Argumentation nicht falscher sein kann. Der Mensch schmückt sich immer mit seiner vom präfrontalen Kortex gesteuerten Überlegenheit, und mit dem was wir hier sehen, werden wir eines Besseren belehrt.
Der Film weckt Empathie und Verständnis, ohne belehrend oder emotional zu werden. Und genau da spricht einen „Lebensweisheiten eines Huhnes“ tiefgreifend emotional an. Das ist keineswegs paradox. Seine ungeschönte Ehrlichkeit zeigt wie nahe Drama und Humor im Leben nebenhergehen, und durch die Magie der Leinwand werden Wahrnehmungen sensibilisiert, die anderorts aus Bequemlichkeit ignoriert werden. Und in diesem Sinne leistet Kota mit ihrem Film erstaunliches, für den wenigstens keines der Tiere leiden musste – hoffentlich. Aber manchmal ist es einfach nur gut, nicht so viel zu wissen, und unbeeinflusst das Mysterium des Filmschaffens wirken zu lassen. Grandioses künstlerisches und emotionales Filmschaffen.
Darsteller: Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enico, Nora und Anett
mit Yannis Kokiasmenos, Maria Diakopanayozou, Argyris Pandazares, Antonis Kafetzopoulos u.a.Regie: György Pálfi
Drehbuch: György Pálfi, Zsófia Ruttkay
Kamera: Giorgos Karvelas
Bildschnitt: Réka Lemhényi
Musik: Szabolcs Szöke
Art Direction: Konstadinos Zamanis
Griechenland, Ungarn, Deutschland
2025
96 Minuten

