– Bundesstart 09.07.2026
– First-Release 19.06.2026 (GB)
Es ist Virginia Woolfs zweiter Roman, und zählt nicht unbedingt zu den Besten. Woolf begann das Schreiben an ‚Night and Day‘ 1916, in einer Zeit als sich die Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Verlegerin noch von einem Selbstmordversuch und starken Nervenzusammenbruch erholte. Ob das einen positiven oder negativen Einfluss auf den Roman hatte, ist kaum nachvollziehbar – zumindest hat er von all ihren Werken die geringste Aufmerksamkeit erlangt – obwohl auch ‚Night and Day‘ alle Merkmale von Virginia Woolfs bevorzugten Anliegen trägt. Hier ist es Katherine Hilbery, Tochter aus reichem Haus einer literarischen Familie. Katherine ist allerdings an Mathematik und Astronomie interessiert. Wobei letzteres von ihrem Umfeld gerne als Astrologie missverstanden wird, weil Frauen kaum etwas von Naturwissenschaften verstehen würden – und erst recht nicht verstehen sollen. Dennoch ist es Katherines erklärtes Ziel, als Autodidaktin vollwertiges Mitglied des Lehrstuhls in Cambridge zu werden.
Warum sich die gebürtige Iranerin Tina Gharavie, aufgewachsen in Großbritannien, als Filmemacherin für diesen Roman entschieden hat, liegt bei ihrer Vorliebe für Außenseiterrollen fast auf der Hand. Allerdings sind starke Frauen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen das Patriarchat und das Establishment wehren, im Kino lange keine Besonderheit mehr. Für einen relevanten Film bilden letztendlich Hintergrund der Geschichte und Persönlichkeit des Charakters die entscheidenden Faktoren. Allerdings verfügt „Night & Day“ über eine geläufige Figur und konventionelle Geschichte. Es ist mit bester Absicht gut produziertes Wohlfühlkino.
Was Gharavie schmerzlich vermissen lässt, ist Woolfs melancholische Tiefe und reflektierende Selbsterkenntnis. Dabei zeigt Haley Bennett als zentrale Figur alle Verletzlichkeiten und Willensstärke, in die eine progressive Frau wie Katherine Hilbert von der Gesellschaft gedrängt wird. Nach dem Willen ihrer Familie soll sie den romantischen Dichter William Rodney ehelichen. Und sie gibt nach, um dem Vater zu gefallen, und ungestört ihr Ziel der ‚unweiblichen‘ Astronomie folgen zu können. Die Frauenrechtlerin Mary Datchet nimmt sich ihrer an, und lässt Katherine im Quartier der Bewegung ihre astronomischen Studien weiterführen.
Es ist ein ständiges Auf und Ab der Gefühle auf der Seite von Katherine Hilbery, und die Regisseurin versucht das auch in der Inszenierung auszudrücken. Anstatt das Publikum auf Bennett fokussiert zu lassen, will Gharavie mit überzeichneten Stimmungswechsel im Tempo und der Musik, aber auch durch unpassende Komik, die Emotionen vorgeben. Da reihen sich dann schwere Schicksalsschläge hart an verspieltem Screwball-Witz. Das will im Fluss nicht wirklich funktionieren, obwohl man sich als interessierte Beobachter wünscht, dass es funktioniert – denn anderweitig bleibt nicht viel. Gerade die wichtigsten Elemente der Geschichte sind nichts Neues im Kino. Frauenrecht, Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Zwang, der queere Freund, etc..
Auf der anderen Seite ist „Virginia Woolf’s Night & Day“ aber auch wundervoll anzusehendes Zeitkolorit. Zu keinem Zeitpunkt prahlt der Film mit seiner Ausstattung, und genau dieses Understatement macht das gezeigte Bild dieser Epoche auch so ansprechend. Ausstattung und Set-Design wirken natürlich und greifbar. Besonders das Quartier der Bewegung, mit seinen sichtbaren Motoren und stapfenden Pleuelstangen ist nicht nur eine imposante und ungewöhnliche Kulisse, sondern auch ein starkes Sinnbild für Fortschritt und Zukunft. Während sich die Geschichte in bekannten Plattitüden ergötzt, die den Darstellern aber auch nicht gerecht wird.
Timothy Spall als konservativer Familientyrann, wie er ihn ständig spielt. Elyas M’Barek als verstohlener Verehrer, wie man ihn kennt. Und Jake Whitehall in der unglücklichen Rolle des obligatorischen Verlierers. Ob nun Katherine Hilbery allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Platz in Cambridge bekommt wird, wäre fast Nebensache, hätten die Figuren eine für die namensgebende Autorin auch angemessene Substanz. Filmemacherin Tina Gharavie liefert für die Geschichte und die Bedeutung der weiblichen Selbstbestimmung und des Frauenrechts weder neue noch besondere Eindrücke.
Mit wunderschönen Bildkompositionen von Sebastian Edschmid, und einem gefühlvoll eindringlichen Soundtrack von Simon Geoff wird „Virginia Woolf’s Night & Day“ zu einem gefälligen Wohlfühlstück. Und da ist das intensiv nuancierte Spiel von Haley Bennett eine wundervolle Bereicherung. Dennoch wäre es zu wünschen gewesen, dass die klassische Erzählung auch etwas über die Moderne zu sagen wüsste.
Darsteller: Haley Bennett, Elyas M’Barek, Jack Whitehall, Jennifer Saunders, Timothy Spall, Simon Phillips u.a.
Regie: Tina Gharavi
Drehbuch: Justin Waddell
nach dem Roman von Virginia Woolf
Kamera: Sebastian Edschmid
Bildschnitt: Hansjörg Weißbrich, Ben Wilson
Musik: Simon Goff
Produktionsdesign: David Hindle
Großbritannien, Deutschland, USA
2026
95 Minuten

