DIE ODYSSEE

Odyssee - (c) UNIVERSAL STUDIOS– Release 16.07.2026 (world)

Ob Leonard in „Memento“, oder Cooper in „Interstellar“, nicht zu vergessen Bruce Wayne in „The Dark Knight“: Es sind Männer, die an ihrer Bestimmung zerbrechen. Christopher Nolan sagt, er hätte erst bei der modernen Übersetzung von Emily Wilson den richtigen Zugang zu Homers Stoff gefunden. Ein Grund, die Figuren der Antike auch in modernem Englisch reden zu lassen (was die deutsche Synchronisation tatsächlich übernahm). Und auch wenn Homer allein als Vorlage Erwähnung findet, hat Nolan darüber hinaus auch auf Virgils ‚Aeneis‘ zurückgegriffen. Während die ‚Odyssee‘ die eigentliche Handlung ausmacht, ist ein Teil der ‚Aeneis‘ in Nolans Film der eigentliche Auslöser für Odysseus Selbstzweifel und Schuldgefühle, und Grund für die Irrfahrt. Aber Odysseus verliert nie seine Gerissenheit oder seinen Überlebenswillen, mit denen er auch den Göttern trotzt, oder treue Mitstreiter hintergehen muss. Dennoch ist Odysseus einer, der an seiner Bestimmung zu zerbrechen droht. Ein komplexer Charakter, was die Figur noch immer aktuell hält.

Zeit ist immer ein Faktor – in jedem Film von Christopher Nolan. „Memento“ wird rückwärts erzählt, oder die Gravitation bedingten Zeitdifferenzen in „Interstellar“. Hier kommt Homer dem Filmemacher entgegen, der die ‚Odyssee‘ auch nicht chronologisch erzählt. In den ersten 145 der 172 Minuten gibt es keinen Anhaltspunkt über eine zeitliche Ordnung von welcher aus der Film erzählt. Es gibt keine Gegenwart. Der Film springt in der Handlung vor und zurück – aber nicht nach Belieben. Die Komplexität des Charakters und der Geschichte wird mit diesen Zeitsprüngen um ein vielfaches intensiver. Und der Film gewinnt damit aber auch eine ständig anhaltende Spannung (im wahrsten Sinne der Worte). Schuld daran ist zweifelsfrei Jennifer Lame.

Jennifer Lame hat mit Nolan bereits „Oppenheimer“ und vor allem das Zeitenwunder „Tenet“ geschnitten. Es ist erstaunlich wie geschmeidig, aber auch perfekt und selbstverständlich diese Zeitsprünge funktionieren. Kein Zweifel, dass Nolan auch seine Vorstellungen in die subtile Kraft der Montage einbrachte, dass versteht sich für den Perfektionisten von selbst. Doch Ehre wem Ehre gebührt, denn in den teilweise sehr gewagten Übergängen ist die Perfektion Jennifer Lame zu verdanken. In dieser trickreichen Montage bleibt der Fokus auch auf der Psychologie der Geschichte. Schließlich geht es um Menschen (und ein bisschen um die Götter). Das Spektakel entwickelt sich durch deren Perspektive, nicht durch Schauwerte.

Hoyte van Hoytemas Kamera (der fünfte Film in Folge mit Nolan) ist immer nah an den Darstellern, vornehmlich und selbstredend bei Odysseus. Aus der Sicht der Figuren werden alle Dialoge und Actionszenen gezeigt, die Kamera ist ein weiterer Protagonist. Ausnahmen bilden wenige Establishing-Shots, die dann aber als psychologische Referenz Gültigkeit finden. Es gibt nicht die auf den größtmöglichen Schauwert ausgelegten Bilder. Die riesigen Laistrygonen sind nur in schnellen Schwenks zu sehen, der Kyklop Polyphem nie in seiner gesamten Statur, das Monster Skylla nur im verschwommenen Blickfeld der schutzsuchenden Kamera. Und auf der sturmgepeitschten See in den Booten ist das Objektiv immer ein Teil der gepeinigten Mannschaft.

Odyssee 2 - (c) UNIVERSAL STUDIOS

Zu der Kunst des Erzählens zählt aber auch der Mut zur Auslassung. Nolan muss nie alles zeigen, er weiß was wichtig für die mitreißende Dramaturgie ist. Wenn jemand sagt, etwas müsste auf diese oder jene Weise gemacht werden, dann kann der nächste Schnitt schon das Resultat danach sein. Die Kunst des Weglassens nutzt der Regisseur aber auch für einen kunstvollen Kniff mit der Eroberung von Troja. Christopher Nolan macht alles was man von ihm als fanatischen Filmemacher erhofft, aber er macht nichts wie man es erwartet. Computer generierte Effekte sind auf ein Minimum reduziert. Selbst der Kyklop ist eine animatronische Figur (mit einem Design das wirklich überrascht). Der Film nutzt Locations, wie sie von keinem anderen so gewählt worden wären. Wenn jemand behauptet, ein Film ‚ziehe einen hinein‘, dann ist „Die Odyssee“ exemplarisch für diesen Ausdruck – mit jedem Meter Film.

Und ‚Film‘ ist auch ein nicht gerade subtiles Zauberwort. Van Hoytemas atemberaubende Photographie von Nolans „Dunkirk“ 2017 – so heißt es aus der Industrie – soll das Aus für 3D in den Heimkinos gewesen sein. Größe spielt eben eine Rolle, und allen Widrigkeiten zum Trotz – sprich auf das unablässige Drängen von Nolan – ist „Die Odyssee“ der erste komplett auf IMAX gedrehte Film (genauer 15-perf-70mm-IMAX). Für Skeptiker und Zweifler: Der festgelegte DCI-Standard für digitale Projektionen sind 8,8 Millionen Pixel. Die Körnung bei Film gibt Kodak mit 101 Millionen Pixel-Äquivalenten an – nach Postproduktion. Bei auf Aufnahme sind es etwa 220 Millionen.

„Die Odyssee“ ist erneut ein Film von Nolan, der alles ausreizt, was Kino ausmacht. Dazu gehört ein Sounddesign und eine Tonmischung, die wahrlich angsteinflößend ist. Und natürlich mit einer Besetzung, die bis in die Nebenrollen erstklassig zu bezeichnen ist. Selbstverständlich ist Matt Damon der perfekte Typus für die Heldenrolle, die er auch ebenso perfekt zwischen Selbstzweifel, Gerissenheit, Angst und Heldentum verkörpert. Doch ohne den gesamten Rest des mitreißenden Ensembles würde dieser Odysseus nie auf diese ungewöhnliche Weise zur Geltung kommen. Wobei die Besetzung von Lupita Nyong’o als Helena sogar eine metaphysische Ebene liefert.

Ist „Die Odyssee“ Christopher Nolans bisher bester Film? Der erste Eindruck würde sofort ein lautstarkes ‚Ja‘ provozieren. Doch seine Filme lassen sich nicht wirklich vergleichen, zudem wäre ein Vergleich ungerecht. Mit Sicherheit ist „Die Odyssee“ das beste Beispiel was die Magie des Kinos ausmacht. Die „Batman“-Trilogie überraschte und besticht mit der radikalen Abkehr von der für Comic-Verfilmungen üblichen Realitätsferne und deren fantastischen Elemente. Nolan hätte als erklärter Fan der Filme von Ray Harryhausen ein Fantasy gespicktes Actionspektakel machen können. Er hatte aber die richtige Idee und einen fabelhaften Instinkt für diese Adaption. Es geht um einen Mann, der an seiner Bestimmung zu zerbrechen droht. Die Götter finden nur verbale Erwähnung, und selbst Odysseus‘ Dialoge mit Athene könnten lediglich trügerische Halluzinationen sein. Es ist ein raffiniertes Konzept, diese antike Geschichte näher an die Realität zu rücken. Und doch ist „Die Odyssee“ ein Film voller Wunder.

Odyssee 1 - (c) UNIVERSAL STUDIOS


Darsteller: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Zendaya, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Jon Benrthal, Himesh Patel u.a.

Regie & Drehbuch: Christopher Nolan
Kamera: Hoyte van Hoytema
Bildschnitt: Jennifer Lame
Musik: Ludwig Göransson
Produktionsdesign: Ruth De Jong
Großbritannien, USA / 2026
172 Minuten

Bildrechte: UNIVERSAL STUDIOS
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