Preview beim Fantasy Filmfest, September 2025
8-BAN DEGUCHI
– Bundesstart 13.08.2026
– First-Release 29.08.2025 (JPN)
Eigentlich ist „Exit 8“ eine von den wirklich guten filmischen Adaptionen eines Computerspiels. Dennoch hat sich Plaion Pictures aber dazu entschlossen, Genki Kamawuras Film erst ein Jahr nach seiner Uraufführung in Cannes in die Kinos zu bringen – was ihm jetzt allerdings erweiterte Aufmerksamkeit ermöglicht. Im Schatten des bahnbrechenden Erfolgs von Kane Parsons „Backrooms“, kann „Exit 8“ durchaus auch als eine jener Geschichten gesehen werden, die mit dem Unwohlsein und Paranoia vor ‚liminal Spaces‘, den Schwellenräumen einhergeht. Eigentlich bekannte Räumlichkeiten, die ohne ihren dafür vorgesehenen menschlichen Betrieb vollkommen abstrakt und unheimlich wirken. Solche Räume sind auch Zu- und Verbindungsgänge von U-Bahnstationen. In einem dieser Gänge bleibt unser Protagonist hängen. Er wird – verrät uns eine Einblendung – ‚Lost Man‘ genannt, und hat gerade einen Anruf von seiner ehemaligen Freundin bekommen, dass sie von ihm schwanger ist. Trotz Trennung, will der Lost Man natürlich will er gleich zu ihr.
Mit einem nervzehrenden Score von Shouhei Amimori und Ysutaka Nakata, begleitet die fließende Steady-Cam von Keisuke Imamura dem etwas aus der Bahn geworfenen Lost Man aus der U-Bahn heraus zu Ausgang 8. Dort kommt er aber nicht an. Nach wenigen Biegungen befindet er sich wieder im selben, unangenehm weiß-gekachelten Gang. Werbeposter an der Wand, ein Mann mit Aktentasche kommt ihm entgegen, ohne zu reagieren, das gelbe Leuchtschild für Exit 8 an der Decke weist den Weg, um die Ecke sind Schließfächer und eine Fotokabine. Und nach der nächsten Ecke ein Hinweisschild, das noch acht Punkte zum Exit 8 passiert werden müssen.
Regisseur Genki Kawamura hat das Drehbuch – wie schon bei seinem Spielfilmdebüt „A Hundred Flowers“ – zusammen mit Kentaro Hirase geschrieben. Und sie folgen sehr genau der Struktur des von Kotake Create entworfenen Computerspiels gleichen Titels. Der Film lässt das Publikum genau auf Augenhöhe des ahnungslosen Lost Man. Und der findet nach quälender Verzweiflung endlich den nächsten Hinweis, dass er sofort umkehren muss, wenn er eine Anomalie in den ihm nun bekannten Gängen findet. Nur dann kommt er einen Ausgang weiter. Ohne Anomalie geht es gerade weiter. Doch ignoriert oder übersieht er eine Anomalie, startet er wieder bei Exit 0.
Das hört sich weder aufregend noch sehr spannend an, und tatsächlich nimmt sich der Film auch sehr viel Zeit, dass eigentliche Szenario aufzubauen. Doch was sich zuerst langatmig und ein bisschen auch strapaziös ausnimmt, entwickelt sich zu einem sehr einnehmenden Thriller. Ein Thriller der auch nervenaufreibend ist, allerdings muss das nicht unbedingt positiv belegt sein. Denn es dauert für den zuerst noch unbedarften Zuschauenden nicht so lange, bis er richtiggehend zusammen mit dem Lost Man Ausschau hält. Hängen die Poster noch in der richtigen Reihenfolge? Ist es eine Anomalie, wenn der Mann mit der Aktentasche einmal unvermittelt stehen bleibt?
Die klinisch weißen Fließenwände und -böden, die ständig bewegte Kamera, die unbequeme Tonuntermalung der beiden Komponisten. Immer stärker gerät man in den Sog dieses sich ständig wiederholenden Alptraums, der mit jeder Möglichkeit eines neuen Levels Panik weckt, anstatt Euphorie auszulösen. Denn was ist wirklich eine Anomalie? Jedes Scheitern, jeder Start von Neuem kostet Nerven. Nicht nur Lost Man glaubt alles richtig gemacht zu haben. Auch wir – wir als Zuschauende glauben mit ihm alles richtig gemacht zu haben. Einer dieser Filme, bei denen jeder versucht ist die Leinwand anzuschreien. Kawamura bringt uns an eine Grenzerfahrung.
Amimori und Nakata liefern aber nicht nur einen schrillen Soundteppich an Untermalung, sondern finden auch beruhigende, ködernde Töne für spezifische Passagen. Denn die Geschichte ist allein mit Lost Man nicht erzählt. Wenn das erste Mal die Perspektive in einen anderen Handlungsstrang wechselt, ist man schon so fest in der unbequemen und oft beängstigenden Atmosphäre des Geschehens gefangen. Der Horror ist nicht konkret und sehr unterschwellig. Es ist schwer auszumachen was die Monotonie in der Wiederholung und die Kälte des Schauplatzes bewirken, auf alle Fälle ist es kein gutes Gefühl. Doch sich dem zu verweigern ist auch keine Option.
Das Computerspiel „Exit 8“ ist klar inspiriert vom Phänomen der ‚Liminal Spaces‘ das seinerzeit durch jenen 4-chan-Post ausgelöst wurde, der auch den Film „Backrooms“ inspiriert und ins Leben gerufen hat. Die gespenstische Faszination wird durch ein aktives Computerspiel noch einmal erhöht. Auf psychologischer Ebene funktioniert ein eigentlich als passiv angedachter Film anders – aber er funktioniert. Genki Kawamura hält sich genau an die Vorlage, und lockt durch seine manipulative Inszenierung aus der Passivität. Als Rahmen klingt da Ravels ‚Bolero‘ wie ein bösartiger Streich, der immer im gleichen Takt mit seinen endlosen Wiederholung den alptraumhaften Charakter der Handlung widerspiegelt. M.C. Escher hätte da seine wahre Freude, dessen grafische Konzepte der ‚unmöglichen Figuren‘ in „Exit 8“ gut zu erkennen sind.
Darsteller: Kazunari Ninomiya, Yamato Kochi, Naru Asanuma, Nana Komatsu, Kotone Hanase
Regie: Genki Kawamura
Drehbuch: Genki Kawamura, Kentaro Hirase
nach dem Computergame von Kotake Create
Kamera: Keisuke Imamura
Bildschnitt: Sakura Seya
Musik: Shouhei Amimori, Ysutaka Nakata
Set Decorator: Yutaka Motegi
Art Director: Ryo Sugimoto
Japan / 2025
95 Minuten

