THE END OF OAK STREET

End of Oak Street - (c) WARNER BROS– Release 12.08.2026 (world)

Das Marketing nimmt bereits vorweg, was am Ende der Oak Street auf einen zukommt. Und das sieht auf den ersten Blick gar nicht so neu oder spannend aus. Nicht spannend, weil ein Familienfilm gar nicht so viele Möglichkeiten bietet, wie diese Art von Geschichte erzählt werden könnte. Zudem ist da J.J. Abrams als treibende Produzentenkraft, der sich mit „Super 8“ schon einmal bei leidlichem Erfolg an einem Film mit Spielberg-Flair versucht hat. Auf der anderen Seite ist dann David Robert Mitchell ein Filmemacher, der Genrekino immer leicht neben der Spur und entgegen den Erwartungen inszeniert. Wenn also die Familie Platt nach einer unruhigen Nacht mit viel unerklärlichem Lärm in der Nachbarschaft am nächsten Morgen aufwacht und Dinosaurier im Vorgarten hat, dann bekommt man auch, was man erwartet. Und doch ist in Inszenierung und Atmosphäre alles irgendwie anders …

… überraschend anders. Denise und Greg Platt sind mit ihrem Sohn Brian und ihrer Tochter Audrey eine typische Vorstadtfamilie. Es ist aber nicht unbedingt eine glückliche Ehe. Denise spielt ernsthaft mit dem Gedanken, sich zu trennen, und Greg nervt unentwegt mit seinem unverbesserlichen Optimismus. Es gibt logischerweise einen Familienhund, Starbuck, und einen typisch fiesen Nachbarn. Aber dann versetzt eine kosmische Störung das gesamte Viertel einige Millionen Jahre zurück in der Zeit. Das große Abenteuer ist aber keines, wie es üblicherweise zu erwarten wäre. Das Leben in prähistorischen Zeiten ist kein Zuckerschlecken, wie die Platts anhand einiger Nachbarn und deren Haustieren und schließlich bei sich selbst feststellen müssen.

David Robert Mitchell inszeniert die meisten Attacken des vorzeitlichen Getiers überraschend anders, was manchmal zu absurd komischen Momenten führt. Die ausgeklügelte Bildgestaltung von Mike Gioulakis weiß dabei den bestmöglichen Effekt zu erzielen. Und auch wenn es oftmals ungewohnt blutig und wirklich dramatisch für die Protagonisten wird, gewinnt der Film daraus einen extrem hohen Unterhaltungswert. Wir als Zuschauende wissen aus etlichen vorangegangenen Filmen, wie man sich bei Begegnungen mit Dinosauriern zu verhalten hat. Manchmal kennen wir auch schon deren Fressgewohnheiten. Aber mit ihrer Ersterfahrung weiß das die Familie Platt eben nicht, und das bürstet diesen Film auch immer wieder gegen die geschuppte Haut. Es ist so etwas wie Mitchells Markenzeichen, Standardszenen aufzubauen, und diese elegant gegen die Erwartung aufzulösen – oder auch umgekehrt.

End of Oak Street 1 - (c) WARNER BROS

Und weil sich dieser Familienfilm vom unbestrittenen Vorbild Spielberg auch zu unterscheiden versteht, zeigt uns der Regisseur zu Beginn des dritten Aktes eine der schockierendsten von allen überraschenden Wendungen. So emotional betäubend diese Überraschung auch ist, verdient sich der Film seine Lorbeeren umso mehr. Es ist grandioses Unterhaltungskino. Mit realen Figuren, die natürlich und greifbar bleiben. Keiner wächst hier über ein vernünftiges Maß hinaus über sich selbst hinaus. Überleben basiert hier meistens auf Glück und weniger auf Raffinesse. Dennoch vergisst Mitchell nie den fantastischen Hintergrund seiner Geschichte. Und den garniert er durchweg mit satirischem, manchmal paradoxem Humor, der aber nie zum Selbstzweck dient, sondern sich logisch und begründet aus der Situation entwickelt.

Wie es sich für einen Film aus den 1980ern gehört, gibt es reichlich Einsatz von Aufnahmen mit geteilter Dioptrienlinse, in denen eine extreme Nahaufnahme und eine halbtotale Einstellung im gleichen Bild zu sehen sind. Ein fast vergessenes Relikt aus Zeiten, als digitale Aufnahmen noch fremd waren. Die visuellen Effekte zeigen unterschiedliche Qualitäten. Bei den Mensch-gegen-Biest-Sequenzen sind die nachträglich generierten Viechereien absolut lebendig und fotorealistisch. Man hat auch das Gefühl, dass die Dinosaurier tatsächlich auf demselben Niveau und im selben Raum wie die realen Darsteller sind. Bei Landschaften, Hintergründen und Dinosaurier-Staffagen entsteht das Gefühl, als hätten die Macher ganz bewusst die Effekte in der Qualität etwas heruntergefahren, was die Optik des Films auch wieder mehr an die 1980er angleicht. Wozu das Produktionsdesign (Maya Shimoguchi) in Bauten, Ausstattung, und Kostüm eine großartige zeitgenössische Atmosphäre liefert.

Ein Manko ist Michael Giacchinos aufdringlicher Score, der nicht nur weniger John-Williams-Anleihen vertragen hätte, sondern dem grundsätzlich weniger Lautstärke guttun würde. Dafür gibt es dann Maisy Stella und Christian Convery als Geschwisterpaar, das seinen Eltern Anne Hathaway und Ewan McGregor an Glaubwürdigkeit und Emotionalität durchaus den Rang abläuft. Was aber auch darauf zurückzuführen ist, dass der Regisseur und Autor sie eben nicht als unerschrockene Überkinder zeigt. Es sind immer die kleinen Dinge, die den großen Unterschied machen (manchmal auch die großen, wenn zwei Dinosaurier Sex haben), und derer gibt es in „The End of Oak Street“ sehr viele. Manchmal subtil, manchmal forsch geradeheraus. Mit etwas ungewöhnlicher Härte und ein wenig blutigem Realismus – und perfekt sitzendem Humor. Aber mit dieser Kunst, die Standards in etwas Besonderes zu verwandeln, macht David Robert Mitchell seinen Film zu einem echten Vergnügen und grandiosen Abenteuerspaß.

End of Oak Street 2 - (c) WARNER BROS


Darsteller: Anne Hathaway, Ewan McGregor, Maisy Stella, Christian Convery, Jordan Alexa Davis, P.J. Byrne u.a.

Regie & Drehbuch: David Robert Mitchell
Kamera: Mike Gioulakis
Bildschnitt: John Axelrad
Musik: Michael Giacchino
Produktionsdesign: Maya Shimoguchi
USA / 2026
99 Minuten

Bildrechte: WARNER BROS
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