Zur Erinnerung an Dolly Parton
NINE TO FIVE
– Bundesstart 09.03.1981
– Release 19.12.1980 (US)
Seinerzeit war der Begriff ‚Neun bis Fünf‘ in Deutschland noch unbekannt. Ein Begriff für meistens Büro-Jobs der sich aus der Arbeitszeit ableitet. Da dachte der deutsche Verleih – wie so oft, und wie immer auch falsch – einen besseren Titel zu wählen, und der war dann „Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“. Sperrig, und vielleicht der Grund, warum das deutsche Publikum nicht vor Begeisterung die Kinosäle stürmte. Was aber im Heimatland des Films geschah. „Nine To Five“ – a.k.a. „9 to 5 “ – brachte über 100 Millionen Dollar in die Kassen, was heute inflationsbereinigt über 400 Millionen Dollar wären – Spider-Man, wir kommen! Eine zuerst harmlos scheinende Komödie, mit einem fabelhaften Script, den exzellenten Damen Jane Fonda und Lily Tomlin – und einem großen Risiko. Es ist das Spielfilmdebüt von Country-Star Dolly Parton.
Die Frauen sind: Die frisch getrennte Judy, die erstmalig einen Job annimmt. Violet, die den Ablauf bei den Sekretärinnen managt, und vergeblich auf die überfällige Beförderung wartet. Und dann ist da noch Doralee, die dralle wasserstoffblonde Sekretärin des Abteilungsleiters, der man ein Verhältnis mit eben jenem nachsagt. Die Drei bilden einen hervorragenden Querschnitt von jenen Frauen, die überarbeitet, unterbezahlt, und ständig übersehen, die eigentlichen Triebfedern jeden Unternehmens sind. Das Buch haben Regisseur Colin Higgins und Patricia Resnick geschrieben, nach einer Geschichte von Resnick. Und irgendwie bekommt man das Gefühl, die beiden Autoren hätten sich die Arbeit genau in der Mitte des Films geteilt.
Die erste Hälfte ist eine sehr launige, aber auch reale Betrachtung von patriarchalen Bürostrukturen – mit lustigen, hintersinnigen Dialogen, und exzellenter Betrachtung der weiblichen Sicht und starken Blick fürs Detail. Das wäre der Part von Patricia Resnick, während Regisseur Higgins zweiter Teil in eine typische überzogene Screwball-Komödie wechselt. Dennoch bleibt der Film von vorne bis hinten aufregend und urkomisch. Jedoch hat die erste Hälfte – nennen wir sie die ‚weibliche Hälfte‘ – mehr Biss, und zeigt eine tiefgründigere Sichtweise auf die Situation der Frauen.
Dabney Coleman spielt den schmierigen Abteilungsleiter Franklin Hart, und den spielt er auch mit widerwärtiger Natürlichkeit. Als Mensch ist er ein Clown, aber in seinem unverhohlenen Sexismus ist er typisch Mann – ein Mann mit unverdienter Macht. Judy, Violet und Doralee verbindet die Abneigung gegen ihren Chef nicht nur im Geiste. Als Violet glaubt, Hart aus Versehen mit Rattengift getötet zu haben, müssen sie tatkräftig zusammenstehen. Das ist alles hervorragend gespielt, dass Timing des gesamten Ensembles ist nicht nur in den witzigen Pointen perfekt. Zudem glänzt Lily Tomlin in all dem mit einigen improvisierten Einzeilern. Gerade die Hauptdarstellerinnen bleiben auch glaubwürdig in ihren Figuren verwurzelt, deren aufbegehrende Entwicklung sich ganz natürlich aus den Gegebenheiten ergibt.
Gegen ihren Typus des feministischen Ideals ist Jane Fonda als unselbstständiges Heimchen perfekt. Und Lily Tomlins emanzipierte Witwe Violet könnte nicht besser besetzt sein. Für die Rolle des nur vermeintlichen Büro-Flittchens ist auch Dolly Parton ideal gewählt – mit dem vorangegangenen Risiko, dass Parton noch nie in einer dramatisierten Rolle besetzt war. Doch ihr musikalischer Ruhm und das von ihr selbst befeuerte Image legt die Entscheidung des Produzenten offen. Am Ende zeigt sie sich nicht nur als richtige Wahl, sondern auch ebenbürtig zu ihren etablierten Partnerinnen. Was vielleicht an ihrer ungewöhnlichen Vorgehensweis lag.
Parton lernte nicht nur die Rolle ihrer Doralee Rhodes, sie verinnerlichte auch die Dialoge aller anderer Figuren. Als Neueinsteigerin dachte Parton, dass dies ein übliches Prozedere wäre, und lernte das gesamte Drehbuch auswendig. Zum höchsten Vergnügen für die Damen Fonda und Tomlin war Parton überdies der Meinung, ein Film würde in chronologischer Reihenfolge gedreht. Der Hinweis von Jane Fonda kam wohl zu spät, dass man wegen des Drehplans während der Produktion auf die Figur achten sollte. Dolly Parton selbst musste gestehen mit ihrem gelben Kleid in einer Szene „normal einzusteigen und als fetter Kanarienvogel hinauszugehen“.
„Nine to Five“ war nicht nur der schauspielerische Grundstein der Sängerin, sondern Ursprung der vorteilhaften Tradition, dass Parton die Titelsongs ihrer Filme immer selbst komponierte und einspielte (die zwei Ausnahmen wählten orchestrale Scores). Als sie dem Produzenten Bruce Gilbert den späteren Hit „Nine to Five“ zum ersten Mal präsentierte, sang sie a cappella und gab den Rhythmus mit den Fingernägeln vor. Gilbert beteuert, Parton hätte dabei erklärt, „dafür bräuchte man falsche Brüste, und die Fingernägel müssten ebenfalls künstlich sein“. Ein Song der mit Anhieb Nummer Eins der Billboard- und auch Country-Charts wurde, vielfach Preise gewann, und sich tatsächlich zu einer noch immer bestehenden Arbeiter-Hymne entwickelte.
„Nine to Five“ ist kein perfekter Film, aber er ist hochgradig unterhaltsam. Und er fand umgehend Anerkennung für seine nicht zu unterschätzenden Botschaften und progressiven Themen. Er gewann unerwarteten Einfluss auf die zwingend notwendige feministische Arbeiterbewegung. Was sich Resnick und Higgins für ihr Drehbuch ausdachten – Teilzeit, Kinderbetreuung, Jobsharing, etc, – ist heute Standard. Und hinter den witzig dargestellten Situationen von frauenfeindlichen Machtstrukturen, ist auch ganz klar und kämpferisch das Statement gegen den systemischen Missbrauch zu sehen. Nicht umsonst heißt die Firma ‚Consolidated Companies, Inc.‘, wie in Billy Wilders „Das Appartement“, der ebenfalls von Machtmissbrauch handelt. „Nine to Five“, oder auch „Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“, zählt heute noch – zumindest in Amerika – zu den absolut besten, aber auch vergnüglichsten Auseinandersetzungen mit Frauen in der Arbeitswelt, und wird auch heute noch als wegweisender feministischer Film hoch geschätzt. Es gibt nur wenig Filme, die einen wirklichen kulturellen Einfluss erreichen. Dieser gehört definitiv dazu.
Thank you, Dolly
Darsteller: Jane Fonda, Lily Tomlin, Dolly Parton, Dabney Coleman, Elizabeth Wilson, Peggy Pope u.a.
Regie: Colin Higgins
Drehbuch: Colin Higgins, Patricia Resnick
Kamera: Reynaldo Villalobos
Bildschnitt: Pembroke J. Herring
Musik: Charles Fox
Song „Nine to Five“: Dolly Parton
Produktionsdesign: Dean Edward Mitzner
USA / 1980
109 Minuten

