– Release 06. August 2026
Der jüngste Film von Eli Roth ist ein ultra-brutales, vollkommen überzogenes Schlachtfest. Der niemals scheue Filmemacher reizt mit seinem „Ice Cream Man“ an Ekelfaktor und Hand-vor-Gesicht aus, was praktische und Computer-Effekte hergeben. Und das ist sehr viel, wenn der Eismann mit seinem Wagen nach Bayleen Bay kommt. Das Eis ist kostenlos, die Kinder sind begeistert. Immerhin ist es ein heißer Sommertag, drei Tage vor den Schulferien. Es ist ein wundervolles Set-Up, weil Eli Roth wie immer sehr viel Wert auf ausladende Kameraarbeit mit stimmungsvollen Bildern legt. Und weil der extreme Filmemacher mit seinem Idyll auch gerne einen sarkastischen Gegenentwurf zu den eigentlichen Vorkommnissen setzt. Somit ist schon einmal geklärt, dass DOP Simon Shohets Arbeit in der Bildgestaltung nicht enttäuscht. Shohet versteht viel von der trügerischen Macht Atmosphäre zu erzeugen. Und er weiß auch immer, wo für den größtmöglichen Effekt das Objektiv sein muss – leider.
Eli Roth will eigentlich keine Geschichte erzählen. Das wird durch die vielen offenen Fragen schnell bewusst. In der Nacht erheben sich all die Kinder – die am Vortag noch Eis verschlungen haben – und beginnen eine Blutorgie ohnegleichen, vornehmlich an den eigenen Eltern. Ganz wenige Kinder und Jugendlich haben kein Eis gegessen, damit sie das Publikum von einer derben Schlachterei zur nächsten begleiten können. Wie der sonst in der Schule tyrannisierte Jared, der wegen Laktose-Intoleranz kein Eis essen darf. Manchmal gelingt es Eli Roth eben auch originell zu sein.
Eigentlich wollte Roth keine Geschichte erzählen, aber hat wohl bemerkt das abgesägte Körperteile, zerschmetterte Köpfe, aufgerissene Bäuche, zertrümmerte Knochen, ausgestochene Augen, freigelegtes Hirn für den Eisportionierer, oder Seilspringen mit Gedärmen nicht genug ist. Selbst wenn in dieser Aufzählung noch unheimlich viel fehlt. Deswegen offenbaren die beiden Autoren Roth und Noah Belson in den letzten 20 Minuten – der dennoch sehr langen 86 Minuten – ein Art Handlung. Und diese ist so einfach gestrickt, dass sie schon ein Schmerzfaktor für sich ist.
Natürlich braucht eine Splatter-Orgie – wie diese hier – kein raffiniertes Handlungsgerüst. Die extreme Gewalt ist grotesk, und dass sie ausschließlich von Kindern verübt wird macht es noch viel verstörender. Aber ein Film sollte trotzdem mit Identifikationsfiguren und – für das Genre – plausible Motivationen besitzen, um eine gewisse Spannung anzuregen. Wenn die Geschichte des titelgebenden Charakters einsetzt, ist bereits jedes Interesse dahin. Bereits nach den ersten 40 Minuten vollkommen ausgelaugt und reizüberflutet, ist den Ereignissen im Film nur noch schwer zu folgen. Es ist aber nicht einfach nur Ermüdung, sondern auch ein stetig fallendes Interesse an dem zynischen Umgang mit dem Tod . Alles war zu sehen, was es zu zeigen gibt.
Wenn es zum Finale eine an Hitchcocks „Vögel“ angelehnte Szene auf einem Spielplatz gibt, ist das eine durchaus gelungene Hommage, aber zu diesem Zeitpunkt längst hinfällig. Es ist nicht nur zu spät, sondern auch folgenlos, bei einem Film der sonst kein Interesse an Zitaten und Querverweisen zeigt. Sei nur die Frage gestattet, wie die Produktion ihr Werk mit all den Kindern in dieser Weise realisieren konnte. In fast allen Szenen sind die jeweiligen Kinder mit ihren Mordwerkzeugen und Opfern im Bild. Und einige der weniger gelungenen visuellen Effekte geben Zeugnis, wie unwahrscheinlich es ist, dass die jungen Protagonisten und ihre Taten nachträglich bearbeitet wurden.
Eli Roth hat sich als Filmemacher einen verdienten Ruf erworben, weil er ständig Grenzen überschritten hat. Und jetzt geht er weit darüber hinaus. Als begnadeter Regisseur erweist er sich in der Hinsicht, dass seine Vision deutlich ist, und er diese ganz klar umgesetzt und erreicht hat. Das macht noch keinen guten Film. Sind „Cabin Fever“ und Hostel“ auch nicht wirklich. Aber es sind – und hier reiht sich „Ice Cream Man“ absolut ein – sehr eigene Werke mit sehr speziellem Charme, aber ohne jede Substanz. Da sollten auch keine Vergleiche zu anderen aktuellen Filmen gezogen werden, die sich hier aufzudrängen scheinen. Es ist ein Film von Eli Roth, mit all seinen Grenzüberschreitungen, und inkohärenten Strukturen. Und der Frage, warum die Möglichkeit einer Fortsetzung so offensichtlich gesetzt wird, obwohl die erst gegen Ende mühsam gestrickte Geschichte definitiv fertig erzählt ist.
Darsteller: Ari Millen, Charlie Zeitzer, Shiloh O’Reilly, Kiori Mirza, Sarah Abbott, Ei Roth, Darrin Baker u.a.
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Noah Belson
Kamera: Simon Shohet
Bildschnitt: Matt Lyon
Musik: Brandon Roberts
Produktionsdesign: Peter Mihaichuk
USA, Kanada, Frankreich, Japan, Großbritannien
2026
86 Minuten

