– Bundesstart 18.06.2026
– First-Release 23.01.2026 (IRL)
Sie sind unverschämt, rücksichtslos, egozentrisch, gierig, manisch, arrogant, schamlos, verletzend, eigentlich rundherum unangenehm: Sir Chaunecy und Lady Savage. Mitte des 18. Jahrhunderts hat das Haus Savage in adeligen Kreisen seinen Ruf verloren. Die Pocken wüten im Land, und mit jedem Klopfen an der Tür vermutet man aufständische Jakobiten. Vielleicht ist das genau die richtige Zeit, den Ruf des Hauses Savage wieder herzustellen. Nicht des Rufes wegen, nicht des Namens wegen, sondern für die eigene Eitelkeit – und vielleicht für noch mehr von allem. Denn Adel bedeutet Ansehen, und Ansehen bedeutet ungeschoren mit ziemlich allem davon zu kommen. Wie zum Beispiel diverse Parzellen der Ländereien doppelt zu verkaufen, um die ungezügelte Verschwendung im Haus zu finanzieren. Regisseur und Drehbuchautor Peter Glanz hat eine rabenschwarze Extravaganz geschaffen, wie sie selbst im Ursprungsland Großbritannien selten geworden sind.
Dieser Film ist ein Paradebeispiel, wie mit kleinem Budget richtig großes Kino gezaubert werden kann. Es müssen nur die richtigen Akzente gesetzt werden, und diese kommen hauptsächlich von Adriano Goldmans Bildführung. Mit starken Kontrasten aber wenig Farben, und ausschließlich natürlichem Licht, schafft er eine düster bedrückende Atmosphäre, die im krassen Gegensatz zu der freudigen Unbeschwertheit der Hausherren steht. Die Kamera verdeutlicht nicht nur den Zustand des Hauses Savage, sie beschreibt auch sehr gut eine Zeit, die selbst mit erschwindeltem Wohlstand bisweilen nicht wirklich schön war. Zudem konzentrierten sich Goldmans Bilder auch viel mehr auf die Gesichter der Figuren, als auf den desolaten Zustand der Räumlichkeiten.
Immer wieder zeigt uns die Kamera die überpuderten Gesichter, die dennoch kein ungesundes Aussehen verheimlichen können, welches der feudale Lebenswandel im 18. Jahrhundert hervorbrachte. Selbst der faulende Zeh von Chaunecy kann nicht davon ablenken, dass es nur um das Ansehen geht. Um die Stellung in der Gesellschaft. Eine Stellung, in die sich einst der Schweinehirte Chaunecy durch die Vermählung mit Lady Savage hinein intrigiert hat. Was letztendlich dennoch den Ruf des Hauses zerstört hat. Doch unvermittelt lassen der Duke und die Duchess von Devonshire einen Gastbesuch bei den Savages verkünden. Genau das, was das Haus braucht, um in der Gesellschaft wieder Anerkennung und Ansehen generieren zu können.
Glanz zeichnet ein Sittenbild das sich an keine Regeln des guten Geschmacks hält. Durch Verschwendung und Spielsucht können sich die Savages lediglich nur zwei Hausdiener leisten, Reginald und Dorothy. Der Herr des Hauses pflegt seine sexuellen Triebe mit Dorothy, und die Lady holt sich körperliche Zuneigung von Reginald. Und zwischen drin werden mehr und mehr Juwelen aus der Erbmasse verschachert, um dem Besuch aus Devonshire haltlose Opulenz an Ausstattung und Personal vorgaukeln zu können. Und wer dieses unmoralische Treiben mit einer angemessenen Mischung aus Faszination und Abscheu beobachtet, der ist davon überzeugt, dass diese Rollen für niemand anderes als Claire Foy und Richard E. Grant geschrieben wurden.
Foy und Grants Spiel ist in seiner maßlosen Skrupellosigkeit derart unbekümmert und frei, dass diese bösartige Satire zu einem dieser Filme wird, bei denen jeder ganz stark für die Widerwärtigen votiert. Je tiefer man mit ihnen in ihre düstere Psyche eintaucht, desto mehr wünscht man sich auch den Erfolg beim Besuch aus Devonshire. Und dann – tief hinten drin – da wünscht man sich gleichzeitig Chaunecys Zeh möge abfaulen, oder er möge durch seine Schusswunde jämmerlich an Wundbrand sterben. Wenn ein Film ein solches Stadium erreicht, hat er sein Ziel punktgenau getroffen. Doch schon alleine diese scharfen, präzise geschliffenen Dialoge, diese Niederträchtigkeiten die in wohlwollende Worte verpackt sind, sind „Savage House“ schon wert.
Darsteller: Richard E. Grant, Claire Foy, Jack Farthing, Bel Powley, Kíla Lord Cassidy u.a.
Regie & Drehbuch: Peter Glanz
Kamera: Adriano Goldman
Bildschnitt: Kharmel Chochrane
Produktionsdesign: Gray Williamson
Großbritannien / 2026
113 Minuten
