TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA

Teenage Sex aDaCM - (c) MUBI– Bundesstart 20.08.2026
– Release 07.08.2026

Es ist eine neue Zeit für Horror angebrochen. Dennoch gibt es sie weiterhin, die abgedroschenen Standards nach den immer gleichen Mustern. Sie beherrschen den größten Anteil des Marktes für Genrekino. Es verwundert also nicht, dass genau diese Standards auch in Jane Schoenbruns neuestem Film zu sehen sind. Selbst wenn augenblicklich noch die meisten Einnahmen aus eben dieser Richtung generiert werden, begeistert im Jahr 2026 eine ganz eigene Art von Horrorfilm das geneigte Publikum. Filme, die nicht konstruiert sind, die nicht den Regeln folgen, die aus sich selbst heraus gewachsen sind. Es verwundert also nicht, dass es genau darum auch in Jane Schoenbruns neuestem Film geht. Schoenbrun selbst war 2024 in gewisser Weise mit „I Saw the TV Glow“ Vorreiter in eigener Sache, der alles andere als ein handelsüblicher Gruselfilm war. Doch 2026 ist ein weit besserer Jahrgang, Wozu Jane Schoenbruns neuester Streich einen wesentlichen Beitrag leistet.

Das „Camp Miasma“-Franchise ist eine fast schon fünfzig Jahre alte Slasher-Reihe mit mindestens vierzehn Fortsetzungen. Bei ständig abfallendem Erfolg, wurde die Reihe um den unkaputtbaren Massenmörder Little Death letztendlich zu Grabe getragen. Aber in Zeiten von Reboot, Re-Imagine, und dem Wert von ‚intellektuellem Eigentum‘, soll auch „Camp Miasma“ wiederbelebt werden. Die queere Filmemacherin Kris Williams ist für diese Wiederbelebung auserkoren. Das ‚queer‘ ist deswegen so bewusst hervorgehoben, weil Kris später einen harschen Kommentar zur Verlogenheit eines homophoben und misogynen Filmgeschäfts ablassen wird. Dieser Kommentar ist durchaus witzig, birgt aber auch sehr schneidende Wahrheiten aus dem Geschäft.

Hannah Einbinder spielt diese Regisseurin. Eine Figur die exakt so ausgelegt ist wie Einbinders Paraderolle Ava Daniels in „Hacks“, mit der gleichen Freizügigkeit. Vielleicht ebenfalls ein Kommentar. Das ist bei einem Film schwer zu sagen, welcher mit Deutungsmöglichkeiten nur so vollgestopft ist. Denn eines ist sicher, dieser Film ist viele Filme in einem. Kris fährt zum aufgelassenen Camp Tivoli, dem Drehort des ersten „Camp Miasma“-Films. Dort hat sich die Hauptdarstellerin des ersten Teils, Billy Presley, ganz alleine ihren Ruhesitz eingerichtet. Als Art Fan-Service möchte Kris nach vierzig Jahren erneut Billy in einem „Camp Miasma“-Film besetzen.

Teenage Sex aDaCM 3 - (c) MUBI

Und wer sich wundern sollte: Ja, Schoenbrun macht in ihrem Film exzessiven Gebrauch von gemalten Hintergründen. Ganz in der Tradition alter Studiofilme. Und weil sich die Filmemacherin mit nur einem Film durch viele Epochen Kino bewegt, sind die Ausschnitte aus den alten Miasma-Filmen auch auf 35mm-Material gedreht. Schoenbrun tut sehr gut daran, sich nicht an der kompletten Reihe von Slasher-Ikonen abzuarbeiten, sondern sich in der Imitation auf „Freitag, der 13.“ zu fokussieren. Inklusive des Scheiterns beider Franchises, als der Mörder in die Großstadt verfrachtet wurde.

Aber der im Gesamten sehr komplexe Film hat auch ein sehr eigenes Juwel. Sein Titelvorspann: Mit 45 Jahren Merchandise und Requisiten der fiktiven Slasher-Serie, mit ihren vierzehn Teilen. Eine Zeitreise durch eine hypothetische Welt, in der jedes Poster, Maske und sämtliche VHS-Hüllen schlichtweg perfekt für ihre Zeit getroffen sind. Jane Schoenbrun und ihr höchst motiviertes Team im Produktionsdesign (Matt Hyland, Brandon Tonner-Connolly) wissen wie man ein Film-affines Publikum zu begeistern versteht. Aber darüber hinaus, hat der Film inhaltlich weit mehr zu bieten, denn die gegenseitige Faszination von Kris und Billy geht tief.

In der Abgeschiedenheit des eingeschneiten Camp Tivoli beginnen beide Frauen eine faszinierende Reise in die eigene Psyche, immer gestützt von der jeweils anderen. Das gedachte Arbeitstreffen liegt längst hinter ihnen. Was hat die eine zum Film gebracht, und die andere vom Film weggestoßen? Einfach ausgedrückt, es ist eine Frage nach Identität – aber das ist schon zu einfach ausgedrückt. Irgendwann fällt der Begriff der Metaebene, doch „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ hat mehrere solche Ebenen. Jede Ebene baut auf der anderen auf – aber in beide Richtungen. Sie brauchen einander, um sich zu erzählen. Sie bilden am Ende auch einen Zirkelschluss.

Teenage Sex aDaCM 1 - (c) MUBI

Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte ist manchmal verwirrend, manchmal auch inkonsistent. Darauf kann die Regisseurin keine Rücksicht nehmen. Sie lässt uns den überzeichnet brutalen Horror erleben, und das tiefgreifende Psychogramm zweier suchender Frauen. Auf unterschiedlichen Ebenen erzählt, sind dies keine Gegensätze, sondern ergänzen sich. Die Regisseurin entwickelt eine komplexe Studie aus rätselhafter Spannung und überraschender Emotionalität.

Es ist ein sich ständig bewegendes Geflecht an atmosphärisch dichten Sequenzen. Was einen im Nachhinein das unbestechliche Gefühl gibt, niemand anderes hätte diese Rollen spielen können. Hannah Einbinder und Gillian Anderson sind eine Tour de Force an Leidenschaft. Die eine mit verschämter Unsicherheit, die andere mit offensivem Begehren. Die unterdrückte Lust von Kris und Billy deckt sich mit einem der Grundmotive eines klassischen Slashers. Lust, Leidenschaft, Selbstfindung, Identität, Mystery, Spannung, Blut, Splatter, die vereinte Palette des Horrors.

Doch Jane Schoenbruns Film ist selten das, was er in jeweiligen Augenblicken vorgibt zu sein. Das erotische Psychogramm und der brutale Mörderspaß funktionieren immer nur gleichzeitig. Das läuft immer wieder leicht auseinander, ist atmosphärisch selten auf gleichem Niveau, aber macht unglaublich viel Spaß. Vor allem mit der einnehmenden Sensibilität von Hannah Einbinder und Gillian Anderson.

Teenage Sex aDaCM 2 - (c) MUBI


Darsteller: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Jack Haven, Amanda Fix, Patrick Fischler, Zach Cherry u.a.

Regie & Drehbuch: Jane Schoenbrun
Kamera: Eric Yue
Bildschnitt: Graham Mason
Musik: Alex G
Produktionsdesign: Matt Hyland, Brandon Tonner-Connolly
Kanada, Großbritannien, USA / 20
112 Minuten

Bildrechte: MUBI
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar