– Release 12.08.2026 (world)
Die Familie Platt ist eine ganz gewöhnliche Familie, aus einem ganz gewöhnlichen Vorort, mit einer ganz gewöhnlichen Nachbarschaft. Das heißt, eitler Sonnenschein beim Straßenfest, unausgesprochene Probleme in den eigenen vier Wänden. Das heißt auch, unter den Nachbarn gibt es immer diese ganz Speziellen. Vororte sind ein trügerisches Idyll, in das sich auch pubertierende Töchter und vor-pubertierende Söhne mischen. Wie eben bei Denise, Greg, Audrey und Brian Platt. Das Idyll bietet auch eine Art Sicherheit – durch Gemeinschaft, den persönlichen Raum, und eine Konstante. Wenn in einem Ort des 21. Jahrhunderts unvermittelt prähistorische Tiere laufen, dann stört das die Gemeinschaft, dringen diese in den persönlichen Raum ein, und bringen das konstante Gefüge durcheinander. Und es trifft den Kern der Geschichte.
Die Geschichte von den neuzeitlichen Menschen, die auf vorzeitliche Dinosaurier treffen ist alles andere als neu. Doch wie Regisseur und Autor David Robert Mitchell diese Sache angeht ist relativ ungewöhnlich. Es macht den Reiz des eigentlichen Spektakels aus, dass darunter eine zutiefst menschliche Ebene bleibt. Denise und Greg haben Probleme in der Beziehung, die er nicht wahrhaben will, und sie mit Scheidung lösen möchte. Der Film hebt diese Probleme nicht auf, auch wenn eine Gruppe Coelophysis durch den Vorgarten toben – womöglich mit der Katze des Nachbarn in der Schnauze. Es ist schwer sich von dem Idyll zu lösen, aus dem man eigentlich ausbrechen will, dass aber durch widrige Umstände gestört wird. Natürlich kämpfen Denise und Greg für ihre Kinder und sich selbst, was aber ihre zwischenmenschlichen Probleme nicht löst.
Zwischen all den bekannten Versatzstücken, zeigt Mitchell eine weitere, subtile Geschichte – eine, die im wirklichen Leben viele Menschen betrifft. Die Kunst des Regisseurs ist, die zwei Ebenen nicht getrennt zu behandeln, sondern wirklich voneinander abhängig zu machen. Reale Menschen in einer fiktiven Umgebung. Der Film verdeutlicht immer wieder sehr eindringlich, dass er nachvollziehbare, greifbare Protagonisten will – weniger Helden, vielmehr Pechvogel. Überleben kann auch Zufall sein. Oder liegt es gar an den aufgestauten Gefühlen, die nach draußen drängen, die sich wegen der Veränderung des eigentlichen Idylls Luft verschaffen müssen? Es ist fasziniert zu beobachten, wie die Platts weiterhin einfach nur Menschen bleiben. Wenn sie auf der Straße suchend den Blick nach vorne richten, wie man es tut, wenn man unliebsamen Nachbarn aus dem Weg gehen will, aber sich ein Millionen Jahre alter Jäger von hinten nähert.
Mitchell konterkariert solche realen Momente mit Michael Giacchinos verspielter Musik (die dennoch viel zu aufdringlich eingespielt ist). Schreie aus der Ferne, oder Pistolenschüsse werden ignoriert. Es passt nicht in dieses Viertel. Hat es noch nie gegeben – soll es auch weiterhin nicht geben. Oder die Familie verbarrikadiert ihr Haus, und will mit Hammerschlägen das Gewehrfeuer aus der Gegend übertönen. Das hat auf seine leicht zynische Weise viel Unterhaltungspotential, und macht den Film zu einem launigen Abenteuer. Aber er vergisst nie, dass seine Figuren Menschen sind. Und weil Mitchell so viel Spaß mit dieser Situation und diesem Setting hat, lässt er das auch in fast jeder Szene mitschwingen. Es ist keine Abrechnung mit einem vermeintlichen Vorort-Mief. Dennoch fungiert der Spinosaurus als Parabel – für den Blick hinter das Idyll.
Wenn die Kinder Audrey und Brian sich auf der Suche nach Familienhund Starbuck mit Sauriern anlegen, dann bleiben sie auch verängstigte Jugendliche, und mutieren nicht zu über sich hinauswachsende Heroen. Brian wird auch nicht müde, mit seinem Spielzeug Pfeil-und-Bogen vergeblich auf die gepanzerten Urechsen zu schießen. Hier bleiben die Identifikationsfiguren auf Höhe ihres Zielpublikums. Doch das Beste an all diesen charakteristischen Merkmalen: „The End of Oak Street“ bleibt ein fantastisches Abenteuer, dass viel Spaß macht, und mit viel hintersinnigem Humor unterhält. Das dabei die Figuren so nahbar und glaubwürdig bleiben, ist seine substantielle Besonderheit.
Zur ursprünglichen Besprechung
Darsteller: Anne Hathaway, Ewan McGregor, Maisy Stella, Christian Convery, Jordan Alexa Davis, P.J. Byrne u.a.
Regie & Drehbuch: David Robert Mitchell
Kamera: Mike Gioulakis
Bildschnitt: John Axelrad
Musik: Michael Giacchino
Produktionsdesign: Maya Shimoguchi
USA / 2026
99 Minuten
