DIE KLEINE AMÉLIE oder der Charakter des Regens

AMÉLIE  ET  LA  MÉTAPHYSIQUE  DES  TUBES

Kleine Amélie - © 2025 Maybe Movies, Ikki Films, 2 Minutes, France 3 Cinéma, Puffin Pictures, 22D Music– Bundesstart 11.06.2026
– First-Release 25.05.2025 (BLG)

„Ich wurde im Alter von zweieinhalb Jahren in den Kansai Bergen geboren – durch die Gnade von weißer Schokolade.“
Neben „Arco“ und dem Instant-Klassiker „Flow“, darf sich „Die Kleine Amélie“ durchaus zu den innovativsten Animationsfilmen im aktuellen Kino zählen. Eine poetische Besonderheit in Erzählung, Technik und Botschaft. Es ist die autobiografisch beeinflusste Geschichte der Schriftstellerin Amélie Nothomb, die als gebürtige Belgierin die ersten fünf Jahre ihres Lebens in Japan aufwuchs. Die ersten drei davon behandelt der Film des Regie-Duos Maïlys Vallade und Liane-Cho Han – in gewisser Weise. „Amélie“ ist keine Nacherzählung eines Lebens, er ist ein Abriss von Erfahrungen, Eindrücken, und den wertvollen Einflüssen einer interkulturellen Erziehung. Wie zum Beispiel der Genuss von weißer belgischer Schokolade in Japan.

Amélie ist kein einfaches Kind – nicht einer dieser süße Wonneproppen, die so herrlich unbedarft in die Welt gehen. Ihre ersten Monate verbringt Amélie in einer Art vegetativem Zustand. Sie will nicht reden, sie will nicht laufen, sie macht keine Anstalten irgendwas machen zu wollen. Dafür redet Amélie, sie erzählt uns aus ihrer Sicht alles über ihre Eindrücke und ihr Verständnis über das Leben. Es ist diese Zeit von Kindsein, bevor sich das Bewusstsein richtig entwickelt. Bevor Rationalität und das Wissen über Schwerkraft ein unbeschwertes Leben schwierig machen.

Viel hat mit der Zahl drei zu tun – worauf der Rezensent erst aufmerksam wurde, als sich ein Publikumspaar nach Ende der Vorstellung darüber unterhielt. Eine schnelle Recherche bewirkt kleine Wunder, und führt wieder zurück zu dem interkulturellen Kontext der Geschichte. In der japanischen Kultur steigt ein Kind mit drei Jahren vom Reich der Götter zu den gewöhnlichen Menschen herab. Das ist interessantes Wissen, was sich nicht unbedingt aus dem Film ergibt, aber ihn im Nachhinein sehr wohl aufwertet. Der Film hat viele Ebenen, die es ständig und reichlich zu erkunden gibt.

Kleine Amélie 1 - © 2025 Maybe Movies, Ikki Films, 2 Minutes, France 3 Cinéma, Puffin Pictures, 22D Music

Lustig, nachdenklich, philosophisch, ehrlich, liebevoll, wütend. Manchmal gibt Amélie kostbare Weisheiten von sich, manchmal nur trotzige Nörgelei. Und ab und an rührt ihre kindliche Naivität so sehr, dass man sich selbst – wenigstens für einen kurzen Moment – in jene Zeit zurückversetzt sehen möchte. Doch der wahre Zauber des Films entfaltet sich erst in Zusammenhang mit seiner phänomenalen Visualisierung. Wunderschöne Aquarell-Zeichnungen, die trotz ihrer naiven Anmutung die Figuren mit so viel Leben und Energie erfüllen. Dazu traumhaft gestaltete Landschaften, die in ihrer Schlichtheit dennoch voller Details und mit einladender Wärme erfüllt sind.

Der Film ist nicht immer konsistent im Ton. Er springt etwas beliebig zwischen Sentimentalität und harscher Realität, zwischen gelöstem Humor und bitterer Strenge. Aus der Sicht und dem Verständnis der kleinen Amélie, ist dieses Erzählen allerdings stimmig. Wie bei Kindern eben Tränen und Freude unheimlich dicht zusammenliegen. Trotz der Eltern und zwei Geschwistern, wird die japanische Haushaltshilfe Nishio-san eigentliche Bezugsperson für Amélie. Und auf der anderen Seite steht dann noch die Oma aus Belgien, mit der lebensprägenden weißen Schokolade.

„Die kleine Amélie und der Charakter des Regens“ ist eine tiefe Verbeugung und Huldigung an die Möglichkeiten und Chancen durch interkulturelle Einflüsse, die sich in der Kindheit manifestieren, und sich weit ins Leben ziehen. Von den Regisseuren und Autoren, bis zu den Technikern, Animationskünstlern, Designern und Musikern ist dieser Film eine Liebeserklärung an die Kunst der Animation und des Erzählens. Amélie ist kein gewöhnliches Kind, aber ihre Geschichte fordert heraus, selbst wieder vor Staunen die Welt zu umarmen – diese wundervoll gezeichnete Welt.

Kleine Amélie 2 - © 2025 Maybe Movies, Ikki Films, 2 Minutes, France 3 Cinéma, Puffin Pictures, 22D Music


Original Stimmen-Darsteller:
Loise Charpentier: Amélie
Victoria Grosbois: Nishio-san
Marc Arnaud: Vater Patrick
Laetitia Coryn: Mutter Danièle
Yumi Fujimori: Kashima-san
Haylee Issembourg: Juliette
Isaac Schoumsky: Andrè
u.a.

Regie: Maïlys Vallade, Liane-Cho Han
Drehbuch: Aude Py, Eddine Noël, Maïlys Vallade, Liane-Cho Han
Bildschnitt: Ludovic Versave
Musik: Mari Fukuhara
Produktionsdesign: Eddine Noël
Belgien Frankreich / 2025
77 Minuten

Bildrechte: Maybe Movies, Ikki Films, 2 Minutes, France 3 Cinéma, Puffin Pictures, 22D Music
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