THE PIANO TUNER

Tuner - (c) DCMTUNER
– Bundesstart 02.07.2026
– First-Release 21.05.2026 (CH)

DCM-Screener, Digitales Kino, 14.06.2026

Selten kommt ein Film über den man so wenig weiß, der einem allerdings bereits in den ersten Minuten das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sehen. Harry Horowitz ist Klavierstimmer, und in die Jahre gekommen. Niki White ist Harrys bereits ausgelernter Nachfolger, und macht schon die ganze Arbeit. Harry ist eine Quasselstrippe, der – in diesem Alter nicht fremd – kaum noch Grenzen kennt, und gerne für sehr peinliche Situationen sorgt. Niki ist ein junger Kerl, der die Peinlichkeiten von Harry mit einem resignierenden Lächeln erträgt. Harry ist nicht einfach Nikis Chef, die beiden sind Freunde. Das muss keiner von ihnen sagen, Dustin Hoffman und Leo Woodall verstehen das ohne Worte oder große Gesten auszudrücken. Und ihr Regisseur, Daniel Rohrer, hat auch den perfekten Blick dafür. Wahrscheinlich kommt durch seine Dokumentarfilme auch dieses Gespür für das Authentische.

Daniel Rohrer wurde für seine Doku „Navalny“ 2023 mit einem Oscar ausgezeichnet, „The Piano Tuner“ ist sein erster abendfüllender Spielfilm. Und er baut bei diesem Debüt auch eine Atmosphäre auf, die eben jenes Besondere verspricht, was man immer seltener im Kino verspürt. Das Drehbuch hat Rohrer zusammen mit Robert Ramsey geschrieben. Ramsey hat unter anderem für die Coen-Brüder „Ein (un)möglicher Härtefall“ oder das Komödiendrama „Life“ verfasst. Rohrer hat also den Blick für das Authentische, Ramsey beherrscht den hintersinnigen und intelligenten Humor.

Eine weitere Paarung die richtig Spaß macht, ist Woodall mit Havana Rose Liu die Ruthie spielt. Eine sehr reservierte Klavierspielerin, die gerade ein eigenes Stück komponiert. Ihr fällt auf, dass Niki das absolute Gehör hat, fordert ihn zuerst heraus, findet aber eine Kostprobe seiner Fähigkeit anmaßend. Beide haben also genau diese Attitüden von Missbilligung und Distanziertheit, damit wir erst Recht das Finden ihrer Liebe erleben wollen. Doch „Piano Tuner“ ist keine Komödie, aber es ist die Natürlichkeit seiner Darsteller und die scheinbare Leichtigkeit in der Inszenierung, die uns an ihre Geschichte bindet und mit einem zufriedenen Lächeln folgen lässt.

Tuner 2 - (c) BLACK BEAR

Die cineastischen Schmetterlinge im Bauch können sie allerdings nicht durchweg halten. Denn durch sein absolutes Gehör ist es für Niki auch möglich Tresore mit Drehzahlenschlössern zu knacken. Niki erlernt das zuerst als Gefallen für Harry. In einer überaus aberwitzig humorvollen Episode knackt er auch einen Tresor für ein paar Gauner. Bis dahin hat sich der Film zwar an den Standards von Rom-Com, Drama und Komödie orientiert, läuft aber immer eine Spur neben dem Erwartbaren. In jeder Situation ist auch alles möglich. Das macht den Film so frisch und unverbraucht.

Allerdings verschreibt sich Roher – mit Co-Autor Ramsey – in der zweiten Hälfte zu sehr dem Stereotyp des Gangsterfilms. Wie aus unendlich vielen anderen Filmbeispielen bekannt, bleibt das Tresorknacken keine einmalige Angelegenheit, schon gar nicht in der zuerst gezeigten unbeschwerten Atmosphäre. Die Gangster – leider auch noch mit osteuropäisch- und arabischem Akzent – wollen mehr, und das mit Gewalt. Obwohl selbst hier der Regisseur clevere Wendungen findet, um die Szenen etwas aus der Klischeeschiene zu schieben, und der Film auch dazwischen immer wieder in seine gelöste unkonventionelle Stimmung zurückkommt. Doch die Versatzstücke mit den Gangstern reißen leider immer wieder aus diesem unorthodoxen Fluss.

„The Piano Tuner“ ist ein Film der überaus vielversprechend anfängt, aber in der zweiten Hälfte immer wieder ins Stolpern kommt. Doch mit seinen authentischen Darstellern, ihren inspirierten Zeichnungen, der leidenschaftlichen Regie, und einer ungewöhnlichen Variation bekannter Themen, überzeugt Daniel Rohers Spielfilmdebüt. Am Ende bleibt auch ein gewisses Verlangen, diese Figuren wiederzusehen, zu erfahren wie es ihnen so ergangen ist. Letztendlich sind es diese wundervoll lebensnahen und auch unaufdringlichen Charaktere, die den Film ausmachen. Da sind gewisse inhaltliche Schwächen leicht zu verzeihen.

Tuner 1 - (c) BLACK BEAR


Darsteller: Leo Woodall, Havana Rose Liu, Dustin Hoffman, Tovah Feldshuh, Lior Raz u.a.

Regie: Daniel Roher
Drehbuch: Daniel Roher, Robert Ramsey
Kamera: Lowell A. Meyer
Bildschnitt: Greg O‘Bryant
Musik: Will Bates, Marius De Vries
Produktionsdesign: Peter Cosco
Kanada, USA / 2025
107 Minuten

Bildrechte: BLACK BEAR / DCM
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