– Release 10.06.2026 (world)
Nur einmal – nur dieses eine Mal – hätte doch Spielberg auf den Komponisten John Williams verzichten können. In diesem Film der ohnehin stark aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sind die hinlänglich bekannten Orchestrierungen des wohl bekanntesten Filmkomponisten überhaupt nicht förderlich. Steven Spielberg folgt in seinem jüngsten Film der klaren Dramaturgie des Kinos der 1990er, was durchaus auch gut sein kann. Doch die ebenfalls stark in dieser Zeit verwurzelte musikalische Untermalung gibt „Disclosure Day“ immer wieder einen Hauch von überholter Atmosphäre. Der Film sollte aber als Weiterführung für Spielbergs bisherige Visionen über nicht-terrestrisches Leben im Heute angekommen sein. Es ist der fünfte Film des ‚Wunderkinds“ mit Außerirdischen (auch wenn sie in „Indiana Jones 4“ interdimensionale Wesen genannt werden), funktioniert aber tatsächlich wie eine logische Weiterführung von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ – wie das Projekt bei Fans und Cineasten lange Zeit auch fälschlicherweise gehandelt wurde.
Der erste Akt ist in zwei Handlungsstränge aufgeteilt: Auf der einen Linie ist Daniel, Spezialist für Cybersicherheit. Mit einem Rucksack voller Festplatten und einem Artefakt, ist er auf der Flucht vor Wardex, einem geheimen und privaten Arm der U.S. Regierung. Auf der anderen Linie ist Wettermoderatorin Margaret, die eine merkwürdige Begegnung mit einem Rotkardinal hat. Der Vogel triggert bei ihr die Fähigkeit, Menschen in die Augen zu schauen, und alles über sie zu wissen – und auch alles zu können, was die Betroffenen können. Dabei macht Spielberg das Beste, was er für den Film tun kann: Er steigt mitten drin ein, und erklärt erst später. In Daniels Rucksack befindet sich ausnahmslos alles, was außerirdisches Leben beweist.
Die Energie, mit welcher der Regisseur in seinen Film einsteigt und dann vorantreibt ist unbeschreiblich. Selbst in seinen wenigen ruhigen Charakter-Momenten, vibrieren die Szenen in der rastlosen Dynamik seiner perfekt besetzten Hauptdarsteller – Josh O’Connor als Daniel und Emily Blunt als Margaret. Grandios alleine Blunts Mimik die Bände spricht, wenn sie die Gedanken ihrer Gegenüber erfasst, und dies in den Gesichtszügen ihres Alter Egos widerspiegeln lässt. Aber der Film ruht sich nie auf solchen Momenten aus, sondern geht immerzu voran. Spielberg und Co-Autor David Koepp – es ist ihre fünfte Zusammenarbeit – haben sich sehr viel vorgenommen.
An manchen Punkten scheint sich der Film sogar überschlagen zu wollen. Wechselt energetisch von einem Handlungspunkt zum nächsten und wieder zurück, oder macht neue Handlungsstränge auf. Kommt man allerdings nur ein klein wenig zur Ruhe, wird auch schnell bewusst, dass die Geschichte nicht unbedingt durch Originalität besticht, sondern durch seine Erzählform. Und in dieser, ist in erster Linie Daniels Rucksack Objekt der Begierde. Ein in der ersten Hälfte zum schaurigen Stereotyp degradierter Colin Firth will als Noah Scanlon, Leiter von Wardex, die geheimsten aller Geheimnisse zurück. Im gegenüber steht der ehemalige Wardex Mitarbeiter Hugo Wakefield, der fast schon verdächtig liebenswürdige Colman Domingo, der mit einem eingeschworenen Team der Welt die Wahrheit offenbaren will – die ganze Wahrheit.
Erst ab der zweiten Hälfte beginnen sich die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß aufzulösen, nämlich immer dann wenn die wirklichen wichtigen Fragen angesprochen werden. An diesen Stellen will Spielberg gar nichts verklausulieren. Menschheit, Religion, Außerirdische, Gott – wo stehen wir und wären wir wirklich für alles bereit. So direkt wie die Fragen zwischen den Protagonisten ausgesprochen werden, so geschickt werden Antworten vermieden. Wir sind angehalten diese Fragen für uns selbst zu beantworten. Das ist nicht neu, aber immer wieder herausfordernd.
Das erklärte Ziel ist selbstverständlich – der Film erzählt da auch nichts Neues – Margaret und Daniel zusammenzubringen. Währenddessen erreichen der böse Scanlon und der gute Wakefield eine Linie, in der man die Intentionen der beiden nochmal gut überdenken muss. Die Merkmale eines gelungenen Verschwörungsthrillers. Koepp und Spielberg greifen dabei nicht nur auf die aktuelle Diskussion zurück, welche die U.S. Regierung selbst angestoßen hat, sondern bedienen sich auch der eigentlich veralteten Klischees von UFO(jetzt UAP)-Sichtungen und feingliedrigen, glupschäugigen Außerirdischen. Und an manchen Stellen zitiert Spielberg offenkundig auch sich selbst.
Sind bis in den dritten Akt hinein Verschwörung und Action die gewaltigen Triebfedern, schaltet der Film in der letzten halben Stunde in den Spielberg-Modus: Mit überzogenem Spannungsaufbau und pathetischem Kitsch wie ihn nur Spielberg selbst immer noch mitreißend und überzeugend inszenieren kann. Er tut das bereits seit über 50 Jahren. Und in den letzten 33 Jahren, tat er das mit Kameramann Janusz Kaminski. Es ist ihr 21. gemeinsamer Film. Und Spielbergs Inszenierung hin oder her, es ist Kaminskis Kamera, die dem Film seine intensive Dynamik gibt. Die Kamera ist immer in Bewegung – folgt, kreist, geht voran. Das Bild simuliert selbst bei Dialogen Tempo.
Was an vielen Stellen irritiert, ist die Inszenierung der Actionszenen. Ständig ist das Feld von Jägern und Gejagten zu gering, die Zufälligkeiten überzogen, die professionellen Häscher verlieren gegen die unbedarften Opfer im Autorennen, im Nahkampf, und in der Akrobatik auf einem fahrenden Zug. Durch die exzellente Choreografie der Kamera wird auch die klassisch überzogene Form des 90er-Jahre-Kinos zum atemberaubenden Actionspektakel. Dieses Gefühl lässt auch im Aufbau mancher Dialogszenen nicht nach. Noch schlimmer trifft es die Charakterisierung von Colin Firth‘ Scanlon, der in manischer Form eines B-Movie-Antagonisten zuerst wenig Eindruck schindet.
Die visuellen Effekte von spezifischen Tieren sind alles andere als gelungen. Und in Anbetracht dessen, was diese schlecht gerenderten Tiere tatsächlich darstellen sollen, stellt sich die Frage, ob selbst da nicht eine künstlerische Absicht dahintersteckt. Und so ist das mit der gesamten Inszenierung und technischen Umsetzung dieses Meisterwerks, welches sich immer wieder dem Begriff Meisterwerk entzieht. Spielberg ist der einzige Regisseur im Mainstream, bei dem schon immer die Inneneinrichtung einer Wohnung real bewohnt ausgesehen hat. Hier ist Margarets Wohnung fast schon klinisch aufgeräumt, bis Wakefields Gruppe sie in eine Nachbildung ihres glaubwürdig belebten Kinderzimmers bringt. Man kann viele Aspekte sicherlich frei interpretieren, man sollte allerdings eine mögliche Absicht durchaus in Betracht ziehen.
In einer Zeit des Kinos, in der Verschwörungs- und Paranoia-Thriller mit zynischem Weltbild und bitterbösen Wendungen einhergehen, setzt Steven Spielberg seinen Film tatsächlich an der Philosophie aus „Unheimliche Begegnung“ an. Lange Zeit wurde erwartet, dass „Disclosure Day“ eine direkte Fortsetzung von Spielbergs zweitem Blockbuster sein würde. Das ist er nicht, aber sehr wohl eine ultra-spannende Erweiterung der damaligen Ereignisse. Und das mit einem Finale, das sich komplett – ohne dies sofort wahrzunehmen – vom Ton und Atmosphäre der vorangegangenen 120 Minuten abhebt. Für dieses Finale haben sich die Macher nichts Neues einfallen lassen. Orte, Zeit, das Aussehen, die unheimlichen Begegnungen. Es ist ein Wiedersehen mit all den Motiven welche die Welt seit jenem Absturz in Roswell begleiten.
Es ist der „Tag der Wahrheit“, und die fiktiven Margaret und Daniel decken in einer fiktiven Geschichte auf, was uns in der Realität über Jahrzehnte als Wahrheit verkauft wurde. Eine verdrehte Form von Metaebene, in der wir durch den hier gezeigten Mix plötzlich ebenfalls gewillt sind zu hinterfragen – so wie der größte und erfolgreichste Geschichtenerzähler des Kinos überzeugt ist, dass seine eigene Fantasie einer unumstößlichen Wahrheit entspringt. Aber wäre die Menschheit wirklich bereit dafür? Und das in einem atemberaubenden, aus der Zeit gefallenen Action-Abenteuer, dass mit seinem Ende die ganze wundervolle Magie des Kino entfaltet.
Darsteller: Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell u.a.
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Steven Spielberg, David Koepp
Kamera: Janusz Kaminski
Bildschnitt: Sarah Broshar
Musik: John Williams
Produktionsdesign: Adam Stockhausen
USA / 2026
145 Minuten


