THE HISTORY OF SOUND

History of Sound - © Fair Winter LLC– Bundesstart 09.04.2026
– First Release 12.09.2025 (CAN)

Lionel Worthing und David White lernen sich 1917 am Musikkonservatorium von New England in Maine kennen – und lieben. Doch der große Krieg beordert David an die Front in Europa. Derweil kehrt Lionel zurück auf die elterliche Farm in Kentucky. Zwei Jahre vergehen, bis sich unvermittelt David wieder meldet. Er will mit Lionel ein paar Monate durch das ländliche Amerika ziehen, und für ein vom Konservatorium finanziertes Projekt alte Volkslieder aufnehmen und katalogisieren. Die beiden Musikethnologen ziehen mit Rucksack und Zelt los, lernen volkstümliche Lieder kennen, und erleben eine befreiende Zeit zwischen ihrer Liebe zur Musik und in ihrer Liebe zueinander. Und weil Paul Mescal und Josh O’Connor im Moment zu den ausdrucksstärksten Darstellern ihrer Generation gehören, kann es sich der Film erlauben, dass Lionel und Davids verpönte, aber innige Beziehung ohne Dialoge und mit wenig Spiel, aber sehr intensiv über ihre charismatische Präsenz verständlich gemacht wird.

Auch in seinem sechsten Spielfilm bewegt sich der südafrikanische Filmemacher Oliver Hermanus entlang der Grenzen von soziologischen Konventionen und eigenwilliger Individualität. Die verbindende Brücke ist die Musik. Lionel und David verehren und archivieren die traditionelle Musik jener Gesellschaft, welche ihre Beziehung nicht akzeptieren würde. Seine stärksten Momente findet Hermanus auch im Mittelteil, wenn seine zwei Protagonisten übers Land ziehen. Ihre Abende am Lagerfeuer sind ruhige Augenblicke, geprägt von stillem gegenseitigen Einverständnis.

Am Tage treffen Lionel und David auf skeptische Bauernleute, die dennoch seine Folk Songs zum Besten gibt, die auf Wachswalzen aufgezeichnet werden. In diesem Umfeld bleibt die unschickliche Beziehung zwischen den beiden Männern nicht unbemerkt. Aber letztendlich entsteht durch die Leidenschaft für die regional gebundenen Lieder ein respektvolles Verhältnis, welches soziologische oder moralische Mauern einreißt. Es ist eine Zeit des Glücks, und eine Zeit von nie gekannter Freiheit.

Der Film ist in einer beschaulichen Ruhe erzählt, die allerdings nicht langatmig wirkt, eher eine tragende Spannung aufbaut. Wir lernen Lionel und David auf eine Art kennen, die jenseits von selbstgesprochenen Worte liegt. Hier bekommt auch Lionels Gabe einen Kontext, Töne als Farben wahrnehmen zu können, wie er am Anfang im Off erzählt. Und Lionel hat nie verstanden, dass diese Begabung anderen Menschen nicht gegeben ist. Aber wir – auf der anderen Seite der Leinwand – wir können es irgendwie nachvollziehen. Der Film strahlt in Inszenierung, Bildführung und Dialog eine eindringliche Besonnenheit aus. Doch durch die einfachen, aber kraftvollen Folk Songs wird der sanftmütige Fluß immer wieder aufgebrochen. Wir beginnen diese Lieder ’sehen‘.

History of Sound 2 - © Fair Winter LLC

Auch in der zweiten Hälfte behält „The History of Sound“ seine in sich liegende Ruhe, nur das Narrativ ändert sich komplett. Nach der Exkursion sollen sich die Wege der beiden Männer für nur wenige Wochen trennen. Daraus werden allerdings Jahre. Lionels Versuche von Kontaktaufnahme werden nicht erwidert. Er geht nach Europa, singt und lehrt, hat Beziehungen, und will sogar ein akzeptiertes Leben führen und eine Frau heiraten. Bis das Schicksal alle Fragen und Wahrheiten klärt.

Traurig ist nur, dass sich die Bildgestaltung (Alexander Dynan) auf ausschließlich natürliches Licht festgelegt hat. Das beraubt den Film gerade in den Abend- oder Nachtszenen um fantastische Möglichkeiten die Atmosphäre visuell zu erweitern. Dieser Verzicht steht oft im Gegensatz zu Dynans sehr stimmungsvoller Kameraführung und Bildkadrierung steht. Was als verpasste Möglichkeiten gesehen werden kann, schmälert nicht das intensiv sensible Spiel von Mescal und O’Connor.

Es schmälert auch nicht das Spiel der anderen Darsteller, die allerdings von Oliver Hermanus merklich zurückstellt sind. Umso wichtiger ist deren starke Präsenz in entsprechenden Szenen, als emotionaler Kontrast für den sinnsuchenden Lionel. Besonders Emma Canning als Lionels souveräne Braut beweist sich in ihrer aufgeklärten Figur als bemerkenswertes Gegengewicht. Das aber im Film nie über Homosexualität gesprochen wird, nicht über die gesellschaftlichen Konventionen, nicht über Konsequenzen oder auch eventuelle Gefahren, keine stereotypen Situationen bemüht werden, dass macht Oliver Hermanus‘ „The History of Sound“ neben all den anderen Besonderheiten noch eine ganze Spur sehenswerter.

History of Sound 1 - © Fair Winter LLC


Darsteller: Paul Mescal, Josh O’Connor, Molly Price, Emma Canning, Hadley Robinson und Chris Cooper u.a.

Regie: Oliver Hermanus
Drehbuch: Ben Shattuck nach seiner Kurzgeschichte
Kamera: Alexander Dynan
Bildschnitt: Chris Wyatt
Musik: Oliver Coates
Produktionsdesign: Deborah Jensen
Großbritannien, Schweden, Italien, USA / 2025
128 Minuten

Bildrechte: FAIR WINTER LLC
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