– Bundesstart 18.06.2026
– First-Release 27.05.2026 (MEX)
Wer mit dem Konzept der ‚Backrooms‘ vertraut ist, und die YouTube-Serie des unverschämt jungen Kane Parsons verfolgt hat, für die dürfte die Kino-Adaption „Backrooms“ wenig Überraschendes bieten. Nur neue Perspektiven – wie in jeder Folge der Web-Serie eben auch. Und diese Perspektiven machen das Kinodebüt des 21-jährigen Parsons unheimlich und verstörend. Das Konzept und das Design der Backrooms ist allerdings keine Erfindung des jungen Filmemachers, sondern geht auf ein einzelnes Bild zurück, das auf 4chan gepostet wurde – und schnell zur eigenen Welt mutierte. Für Freunde der Web-Serie ist es eine gruselige Neuauflage, für Neueinsteiger wird „Backrooms“ zur Grenzerfahrung. Und im Kino sogar mit einer Art Handlungsgerüst – die Geschichte des gescheiterten Ladenbesitzers Clark. Seine Frau hat den funktionierenden Alkoholiker vor die Tür gesetzt, und jetzt lebt er in seinem eigenen Laden, der allem Anschein nach Restposten der unansehnlichsten Möbelstücke verkauft.
Kane Parsons nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Das verlangt zuerst etwas Geduld, wird aber gut von seinen immer sehenswerten Darstellern aufgefangen. Chiwetel Ejiofor als launischer und uneinsichtiger Clark, der eigentlich wenig Mitleid verdient, dass er vor die Tür gesetzt wurde. Und „Der schlimmste Mensch der Welt“-Renate Reinsve als Clarks Therapeutin, eine traurige Frau, der ihre Einsamkeit ins Gesicht gemeißelt scheint. Clark findet im Tiefgeschoß seines Ladens in einer eigentlich stabilen Wand einen ‚unmöglichen‘ Zugang zu einem unendlichen Labyrinth von leeren Räumen. Plötzlich macht sich auch die ausgedehnte Exposition der Figuren bezahlt, und damit ihre Motivation und ihr Verhalten in den furchterregenden Räumen.
An popkulturellen Einflüssen fällt einem zuerst „Severance“ ein: Die endlosen Korridore, die leeren oder minimal belegten dafür ausladenden Räume, und das ständige Summen der Leuchtstoffröhren. Am Ende entwickelt sich der Film aber wie die letzte Kopfgeburt von David Lynch – im positiven Sinne. Dabei setzt das Gefühl jener Erfahrungen ein, dass erste Mal Lovecrafts ‚Berge des Wahnsinns‘ zu lesen. Letztendlich lässt sich nur darüber spekulieren, ob Kane Parsons sich überhaupt von anderen Quellen als einem 4chan-Post inspirieren ließ. Sein Kameramann Jeremy Cox hat jedenfalls Großartiges geleistet, die Backrooms mit ihren schwefelgelben Wänden aus der Ego-Perspektive zu erkunden – und mit ihnen das einhergehende Grauen.
Doch die Schreckensatmosphäre weckt weitere Erinnerungen an ein mögliches Vorbild, nämlich „Blair Witch Project“. Dazu ist „Backrooms“ auch der erste Film seit eben jenem Horror-Klassiker, der verwackeltes VHS-Material vernünftig und glaubwürdig verwendet. Und er will dieses auch nicht als ‚Found-Footage‘ verkaufen. Doch die Frage, was „Backrooms“ will, bleibt offen. Kane Parsons will keine Antworten liefern, und bleibt dem Dogma von Spekulation und Interpretation jenes ursprünglichen 4chan-Bildes treu. Und diese Ungewissheit macht „Backrooms“ so gruselig.
Unter anderem – denn hier ist kein Horrorfilm, der mit dem Offensichtlichem oder Greifbaren spielt. Es ist jene Ungewissheit, es ist das Unbekannte und Unsichtbare. Die Einsamkeit in den Räumen, und jene Schwelle der Räume selbst, die ihnen den Namen geben. Übergangsräume, die in ihrer leeren Einsamkeit keinen Sinn ergeben. Die Verlorenheit, die Orientierungslosigkeit, und diese unbekannten, durch Mark und Bein gehenden Geräusche. Ja, der Film hat auch Jump-Scares – wenige, aber so perfekt gesetzt, dass sich hier altgediente Regisseure ein Vorbild nehmen sollten.
Der Horror funktioniert dann am besten, wenn der Film die Kamera in langen Einstellungen die Atmosphäre der Räume wirken lässt. Manchmal finden sich seltsam geformte Möbelstücke darin. In anderen finden sich Zeichnungen an der Wand. Dann gibt es Räume in denen sich Berge von Bekleidung türmen. Es ist ein konstantes Rätsel, das sich mit Unbehagen und unterschwelligem Terror füllt. Die pure Angst vor dem was man nicht sieht, aber glaubt zu hören. Und dann das nervenzehrende Summen der Leuchtstoffröhren. Die Set-Designs unter Führung von Danny Vermette sind grandios unheimlich. Bei jedem Betreten des unheilvollen Labyrinths – so sinniert Clark an einer Stelle – lässt man einen Teil von sich zurück. Jedes Mal eine negative Eigenschaft mehr. Und dann richten sich die Räume gegen einen selbst.
Das ist eine Erkenntnis die Clark aus seiner Erfahrung schöpft. Wir als außenstehende Betrachtende bleiben auf uns gestellt. Wir können weiter über die schaurigen Backrooms eigene Rückschlüsse ziehen und spekulieren, so wie wir über Kane Parsons spekulieren können. Ist er wirklich das Genie, wie wir ihn gerne wegen seines radikalen Konzeptes sehen würden. Warner-Chef Michel De Luca beschreibt Parsons als einer jener Talente, die im direkten Dialog mit ihrem Publikum stünden. Vielleicht ist der Regisseur aber am Ende doch nur ein unbeholfener Video-Künstler, dem schlichtweg das Gespür fehlt, eine in sich geschlossene und greifbare Geschichte zu konzipieren.
Ein Glücksritter von YouTube, der sich auf der Faszination eines Internet-Phänomens ausruht? Ein Phänomen – welches durch andere Menschen initiiert – Parsons Web-Serie vorangegangen war. Denn inhaltlich hat „Backrooms“ tatsächlich kaum etwas zu bieten, auch wenn Ejofor und Reinsve die Stimmung und die Angst ihrer Figuren sehr gut übertragen. Doch solche Zweifel wollen am Ende doch nicht so leicht stehen bleiben – denn dafür spielt der Film verstörend gut mit unserer Fantasie, und richtet sich mit nervenaufreibender Intensität an unsere Ängste. Auf welchem Level, oder in welchem Raum auch immer man sich diesem Film annähert oder davon abgestoßen wird, es bleibt die eigenwilligste Kinoerfahrung in diesem Jahr.
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Finn Bennett, Lukita Maxwell und Mark Duplass u.a.
Regie: Kane Parsons
Drehbuch: Kane Parsons, Will Soodik
Kamera: Jeremy Cox
Bildschnitt: Greg Ng
Musik: Kane Parsons, Edo Van Breemen
Produktionsdesign: Danny Vermette
Kanada, USA / 2026
110 Minuten

