– Bundesstart 24.09.2026
– Release 11.09.2026 (CAN)
Von „Sein Mädchen für besondere Fälle“, zu „Reporter des Satans“, über „Das Millionenspiel“ und „Network“, bis „Truman Show“. Es gibt viele, aber nur wenig geglückte Beispiele wie Medien sich oder ihre direkten Nachbarn mit scharfem Blick sezieren. Meist in übersteigerter Form, mit einem spekulativen was-wäre-wenn-Szenario. Die Frage ist immer, wie weit Medien für Quote gehen, und die Macher sich dafür von ihrer Menschlichkeit entfernen würden. Die Show „To catch a Predator“, von 2004 bis 2007, ist real und die Menschen dahinter nicht spekulativ. Auch wenn sich Regisseur Lance Oppenheim alle Mühe gibt den satirischen Charakter hochzuhalten, entzieht sich dem Film gerade wegen seines realen Hintergrundes der Begriff einer Satire. Journalist Chris Hansen war seinerzeit verantwortlicher Moderator, und Andie Bender seine Produzentin. Mit fingierten Online-Chats wurden erwachsene Männer unter dem Anschein Sex mit Minderjährigen haben zu können, in eine Falle gelockt, und vor laufender Kamera bloß gestellt. Meist gefolgt von einer überdramatisierten Verhaftung durch Gesetzeshüter.
„Primetime“ ist vielmehr ein Horrorfilm. Bösartige Menschen bestrafen Menschen die noch keine Straftat begangen haben. Geschürt von Schadenfreude und Hass auf vermeintlich Pädophile, zeigt sich das Publikum begeistert von den öffentlichen Demütigungen und einer Strafe die vielleicht gerecht ist, aber nicht nach Recht verhängt wird. David Bolen ist hier Bildgestalter, kein Unbekannter bei Dokumentationen, nur das hier lediglich der Eindruck einer Dokumentation entstehen soll. Gedreht wurde mit Fernsehkameras jener Tage der frühen 2000er, oder die Optik ist Videoformaten von damals nachempfunden, alles im Format 1,50:1 oder 1,33:1.
Das Lichtkonzept schließt sich dieser Zeit an. Wobei auch viel mit der Beleuchtung gespielt wird, wenn sich zum Beispiel Hansens Gesicht aus dem Schatten heraus zur Monstrosität aufbläst. Visuell ist der Film durch gelegentliche Verfremdungen und seiner lang zurückliegenden Videoästhetik oft sehr unbequem. Was zurück zum Horror führt, weg von der biografischen Authentizität. Die Inszenierung macht auch gar nicht den Eindruck, als wolle sie die reale Historie dokumentieren.
Sofort wird klar, dass sich die als Serie produzierte Rachsucht selbst in Frage stellt, auch wenn es um einen mehr als fragwürdigen Menschenschlag geht, die zu diesem Zeitpunkt noch immer kein Verbrechen begangen haben. Moderator Chris Hansen präsentiert sich selbstherrlich und herablassend, und niemand hätte diese Person besser darstellen können als Robert Pattinson. Er geht darin auf, seine Selbstherrlichkeit wird spürbar, in erster Linie befriedigt er seine eigene Bösartigkeit. Pattinson war eigentlich nur als Produzent vorgesehen, bevor er zur Hauptrolle gedrängt wurde.
Was für ein Mensch Chris Hansen in Wirklichkeit ist, wird irrelevant. Wo die eigentlichen Beweggründe für die Sendung waren, ist uninteressant. „Primetime“ ist ein Kunstprodukt, eine Interpretation von Macht und Medien, und den Menschen die darin gefangen sind. In „Primetime“ gibt es ausschließlich Gewinner und Verlierer. Es gibt keine Grauzone, und niemand ist unschuldig. Mit seinem intensiven Auftritt verstärkt Robert Pattinson dieses permanente Gefühl des Unbehagens. Er ist am bösartigsten und angsteinflößendsten, wenn er glaubt auf der richtigen Seite zu stehen. Diese Art Schauspieler ist eben Pattinson – und als Interpretation des realen Chris Hansen geradezu erschreckend.
Das macht den Film allerdings nicht besser, der in seinem halbstündigen Finale plötzlich bemüht ist ein gutes Gewissen zu propagieren. Die Möglichkeit einer beißenden Mediensatire verliert der Film endgültig, wenn er aus der spektakulärsten Menschenjagd bei „To catch a Predator“ eine moralisch verwerfliche Episode machen will. In dem Moment versucht der Film seine zynische Interpretation der Ereignisse zu relativieren. In Wirklichkeit war dieses Finale Hansens größter Coup, der die Serie seinerzeit als ikonisch zementierte. Auch wenn es moralisch verwerflich war.
Sehr viel Kunst, sehr viel dramaturgische Freiheit. Aber letztendlich lebt der Film nur durch seine eindringlichen Darsteller. Skyler Gisondo als Erwachsener, der als Köder einen Minderjährigen mimt, ist einer davon. Zu Regisseur Lance Oppenheims Konzept gehört es, die Gefühle und Reaktionen der Figuren über Close-ups ihrer Gesichter zu erklären, nicht über Dialoge. Zumindest das ist sehenswert.
Darsteller: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo, Matthew Maher, Bokeem Woodbine, Anna Faris, Jeff Zucker u.a.
Regie: Lance Oppenheim
Drehbuch: Ajon Singh
nach einem Artikel von Luke Dittrich
Kamera: David Bolen
Bildschnitt: Daniel Garber
Musik: Ari Balouzian
Produktionsdesign: Alex DiGerlando
USA / 2026
110 Minuten

