AMERICAN FICTION

Nominiert für Film, Hauptdarsteller, Drehbuch und Filmscore – 96th Oscars

Oscar 23– Amazon Prime seit 27.02.2024
– Release 15.12.2023 (US limited)

American Fiction - Copyright MGM / ORION RELEASINGThelonious ‚Monk‘ Ellison ist ein schwarzer Autor, schreibt über schwarze Themen, aber erreicht keine schwarze Leserschaft. Eigentlich auch keine Weiße. Thelonious ist frustriert. Nicht unbedingt, weil sich seine Bücher nicht verkaufen, immerhin ist der misanthropische Intellektuelle in akademischen Kreisen hoch geschätzt. Thelonious ist nicht nur leicht depressiv, er ist grundsätzlich unzufrieden. Mit sich, der Welt, und allem was zum Leben gehört. Und Thelonious ‚Monk‘ ist eine Figur, die wirklich nur für Jeffrey Wright geschrieben worden sein kann. Selbst in seinen Komödie, wie zuletzt in ASTEROID CITY, bringt Wright immer einen Hauch von Melancholie mit, aber auch eine stete Besonnenheit, sogar als Felix Leiter bei James Bond. Seine Hauptrollen sind spärlich, und spätestens mit AMERICAN FICTION wird die Frage unausweichlich, warum. Thelonious ‚Monk‘ Ellison ist weder strahlende Heldenfigur, noch entwickelt er sich dorthin. Monk ist ein realer Charakter den man versteht, auch wenn er alles andere als liebenswert ist.

Die Verlage wollen Monks neuestes Buch nicht verlegen, weil es nicht ’schwarz genug‘ ist. Die Universität beurlaubt ihn, wegen seiner ausufernden Querelen mit Studenten bei ethnischen Themen. Währenddessen feiert die ebenso angesehene Autorin Sintara Golden einen Bestseller-Erfolg, mit einem Klischee beladenen Roman aus dem schwarzen Unterschichten-Milieu. In einer trüben Rotweinlaune entspringt die Idee, Lesern und Kritikern, besonders weißen Lesern und Kritikern, einen Spiegel vorzuhalten. Thelonious ‚Monk‘ Ellison schreibt einen mit Stereotypen überfrachteten Ghetto-Roman.

AMERICAN FICTION ist das Regiedebüt des TV-Schreibers Cord Jefferson, und der hat mit diesem Erstling die Latte für sich selbst extrem hoch gelegt. AMERCIAN FICTION ist eine unglaublich clevere Abhandlung über zwei Seiten einer Gesellschaft, die tatsächlich etwas Neues zu erzählen hat. Auch wenn der Film, ganz nach der Romanvorlage, die politische Korrektheit und das verlogene Verständnis von Weißen gegenüber der schwarzen Gesellschaft als Zielscheibe nimmt. Aber der Film ist nie Anklage oder Entschuldigung, sondern eine durchweg raffinierte Zustandsbeschreibung beider Seiten.

Angewidert hört Monk die Lesung aus Sintara Goldens anbiedernden Roman. Am Ende springt im Vordergrund des Bildes eine weiße Frau im Publikum jubelnd und frenetisch klatschend auf, und verdeckt Monk vollkommen. Das sind metaphorische Bilder, mit denen Jefferson seinem Film ein viel aufregenderes Spektrum an narrativen Möglichkeiten verleiht. Später, wenn Monk seinen Roman schreibt, wird der Regisseur die Erzählung um eine Ebene erweitern, bis er am Ende sogar… aber darüber zu schreiben geziemt sich nicht, denn es ist geradezu verrückt, was der Film hier anbietet.

American Fiction 1 - Copyright ORION RELEASING

Was Monk schreibt, in fast schon zynischer Verachtung für das eigens gewählte Thema und den Stil, wird zum sofortigen Bestseller, dem umgehend die Verfilmung folgt. Aber dazwischen hat Monk mit seiner Familie zu tun. Hier entwirft der Film zwei Welten. Die gesellschaftlichen Diskrepanzen, die in Monks professionellem Umfeld geradezu herbei geredet werden. Und das Familienleben, welches sich keinen Deut von dem einer weißen Familie unterscheidet, wo Hautfarbe nicht einmal im Ansatz Erwähnung findet. Warum auch? Weil ein bestimmter Teil des Publikums dies irgendwie erwartet.

Trotz seines eigentlichen Anliegens, seines satirischen Tones, des intelligenten Humor und der beißenden Ironie, sind die Familienszenen das wirklich Schönste an AMERICAN FICTION. Tracee Ellis Ross, Sterling K. Brown, Erika Alexander, allen voran Jeffrey Wright, die Natürlichkeit zwischen den Akteuren ist schlichtweg verblüffend. Diese Figuren werden nicht gespielt, sondern gelebt, was eine wirkliche Verbindung schafft. Jefferson vermeidet jede überdramatisierte Form der Auseinandersetzung, und löst jede Konfrontation mit ehrlicher Versöhnlichkeit zwischen den Protagonisten auf.

Thelonious ‚Monk‘ Ellison will die weiße Verlagswelt und seine schuldgeplagte weiße Leserschaft provozieren. Mit abgedroschenen Versatzstücken von Gewalt, Kriminalität, sozialen Missständen, zwischen Drogen, Sozialhilfe und Ghetto. Jefferson zeigt dabei Monk nicht einfach beim Schreiben. Was er in seinem zynischen Spott in die Tastatur hämmert, sehen die Zuschauenden als Spielszene mit zwei Darstellern, die ihren Slang durchsetzten Streit durchaus auch unterbrechen und den Schriftsteller fragen, was sie nun sagen sollen. Das unsägliche Stereotyp in Monks Geist, wird für das Publikum zu etwas menschlich Greifbarem. Plötzlich müssen die Zuschauenden entscheiden, ob das verachtete Klischee-Repertoire vielleicht doch einen berechtigten Anspruch hat.

Cord Jefferson hat ein Anliegen, so wie sein Thelonious ‚Monk‘ Ellison. Aber Cord Jefferson lässt sein vordergründiges Anliegen immer wieder vom Publikum hinterfragen, während die fiktive Öffentlichkeit durch ihr gegenteiliges Handeln immer wieder Monks eigentliche Absicht in Frage stellt. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern darum einfach einmal die eigene Perspektive zu reflektieren. Das ist AMERICAN FICTION.

American Fiction - Copyright CLAIRE FOLGER / ORION RELEASING

 

Darsteller: Jeffrey Wright, Sterling K. Brown, Issa Rae, Erika Alexander, John Ortiz, Tracee Ellis Ross, Myra Lucretia Taylor, Leslie Uggams, Adam Brody u.a.
Regie & Drehbuch: Cord Jefferson
nach dem Roman von Percival Everett
Kamera: Christina Dunlap
Bildschnitt: Hilda Rasula
Musik: Laura Karpman
Produktionsdesign: Jonathan Guggenheim
USA / 2023
117 Minuten

Bildrechte: ORION RELEASING / Claire Folger
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Fernsehen gesehen, Rund ums Kino abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar