– Bundesstart 09.09.1982 – First-release 24.07.1981 (US)
Erschienen in ‚Abgeschminkt‘, September Ausgabe 1982
Der in Ungnade gefallene New York Police Captain Dewey Wilson wird aus dem Ruhestand geholt, um den bizarren Mord an Unternehmer und Millionär Van Der Veer, seiner Frau, und deren Chauffeur aufzuklären. Die zuerst als Hinrichtung vermuteten Morde geschahen nachts und im Freien. Verschiedene Theorien – von Terroranschlag bis Voodoo-Ritual – müssen in Betracht gezogen werden. Deswegen wird Kriminalpsychologin Rebecca Neff an Wilsons Seite beordert. Die Spuren verlaufen zunächst im Nichts, bis Gerichtsmediziner Whittington eindeutige Spuren sichern kann: Die Morde können unmöglich von Menschen verübt worden sein. Dennoch führen die Ermittlungen Wilson und Neff zu einer Gruppe ‚amerikanischer Ureinwohner‘ [PoliticalCorrect angepasst].
Mit „Lautlos im Weltall“ (1970) oder „Jahr 2022 …die überleben wollen“ (1973) öffnete Science Fiction im größeren Umfang den Vorhang zu den ökologischen Themen im Kino. Mensch und Natur, oder eben das, was der Mensch der Natur antut. „Lautlos im Weltall“ stieß da noch auf wenig Verständnis. „Jahr 2022“ hingegen schockierte mit seiner Auflösung von Soylent Green als Menschenfleisch. Griffiger waren Horrorschocker im Gewand von Öko-Thrillern, was mit Tieren und Insekten sehr gut funktionierte. So zwingen Ameisen in „Phase IV“ den Mensch zum Umdenken, oder lassen mutierte Tiere in John Frankenheimers „Die Prophezeiung“ den Umweltsünder aufhorchen. Michael Wadleigh hat sich bei seiner Verfilmung von Whitley Striebers Roman „Wolfen“ mehr an der experimentellen und esoterischen Umsetzung von „Phase IV“ orientiert. Und zwar so sehr, dass ihm das Studio nach der ersten Schnittfassung von über 4 Stunden, das Projekt entzog. Richard Chew war der Mann, der „Krieg der Sterne“ geschnitten hat, und nun „Wolfen“ auf eine für das Kino taugliche Länge brachte.
„Wolfen“ ist ein Thriller und Horrorfilm gleichermaßen. Seine wahren Absichten enthüllt der Film erst spät, so wie seine wahren Hauptdarsteller. Das sind eben nicht Albert Finney als missmutiger, zynischer Dewey Wilson, oder Diane Venora in ihrem Filmdebüt als hartgesottene und herausfordernde Rebecca Neff. Auch nicht der stets gut gelaunte, mit nichts aus der Ruhe zu bringende Gregory Hines in der Rolle des Gerichtsmediziners Whittington. Es ist das unsichtbare Grauen, das in den Straßen des noblen Manhattens genauso Jagd auf Menschen macht, wie in den Abrissvierteln der verwahrlosten Bronx. Der hauptsächliche Grund für die Absetzung von Michael Wadleigh war das Verlangen des Studios nach einem griffigen und maßentauglichen Horrorfilm. Und der erste Eindruck von „Wolfen“ lässt natürlich auf Werwölfe schließen. Darauf ist die Werbekampagne ausgelegt, und so ist der Film letztendlich auch aufgebaut.
„Wolfen“ ist weit mehr als ein Film mit Werwölfen, viel mehr als eine Monster-Charade. „Wolfen“ ist eine sehr kluge Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Natur. Was ihn dabei so klug macht, ist gerade in der nun veröffentlichten Kinofassung, dass „Wolfen“ in seiner ökologischen Aussage nicht übertreibt. Er spielt es sogar etwas herunter, und lässt dem spannenden Wechsel von Horror-Krimi-Horror Vortritt. Regisseur Wadleigh hat auch nicht an blutigen Effekten gespart. Und was letzten Endes als übernatürlich oder als glaubhafte Laune der Natur angesehen werden kann, dürfen die Zuschauer selbst entscheiden. Der Chauffeur und das Paar Van Der Veer wurden nicht von einem Menschen derart grausam ermordet. Doch genau dieser Umstand führt Wilson und Neff auch zu Brückenarbeitern aus einer Gruppe Ureinwohner [PC angepasst], und deren mythischer Fähigkeit ihre Gestalt in Tiere zu verwandeln.
Amerikanische Ureinwohner [PC angepasst] finden bei Brückenrestaurierungen gute Arbeit, weil sie viel besser mit Höhe zurechtkommen – und weil sie auch mit der Natur noch im Einklang sind. Vor zehntausend Jahren waren die Stämme der menschlichen Ureinwohner und die Rudel der Wölfe gleichberechtigte Nationen von Jägern. Jetzt wollen die weiterentwickelten Wölfe – die Wolfen – ihr Jagdterritorium zurückerobern. Nun sind sie dem Menschen überlegen, weswegen man die Wolfen nicht sieht und auch nicht finden wird. Während Rebecca Neff anderen Spuren folgt, kommt Dewey Wilson nach weiteren Morden zu der Erkenntnis, dass die Ermittlungen mehr dem Mythos von menschlichen Gestaltenwandlern und den Wolfen nachgehen müssen. Für einen realistisch aufgebauten Thriller ist dies eine Gratwanderung, die leicht ins Lächerliche abgleiten könnte. Das dies aber nicht geschieht, ist allein den Darstellern zu verdanken.
Die Beziehung zwischen dem ironisch verbitterten Wilson und der selbstsicheren Neff entwickelt sich schon erwartungsgemäß zu einer vertrauensvollen Partnerschaft. Eine Partnerschaft, die mit ihrem trockenen Humor dem nüchternen Charme von realistischen Polizeifilmen des Kinos der Siebzigerjahre nahekommt. Noch viel überzeugender ist die Verbindung zwischen Wilson und Whittington. Ihre kollegiale Beziehung ist glaubwürdig, weil das Drehbuch keine künstlichen Spannungen zwischen ihnen aufbaut. Ihre Ehrlichkeit und der gegenseitige Respekt wirken ansprechend natürlich, und selbst im Schatten von widernatürlichen Ereignissen, verlieren sie einfach nie ihren kumpelhaften Ton. Die Figuren behandeln spirituelle Mythen und das Übernatürliche durchaus mit Skepsis, aber sie werten es nie als unmöglich. Durch die Authentizität der Personen werden auch die fantastischen Elemente auf ihre Weise real.
So weit bekannt, nutzt der Film das erste Mal die Möglichkeiten von thermografischer Photographie, um die Sichtweise der beobachtenden und jagenden Wolfen zu simulieren. Diese Art der Bilder setzt die unsichtbare Infrarotstrahlung von Motiven in Falschfarben um, was der Perspektive der Bestien eine unwirkliche Abstraktion verleiht. Der Film erlaubt sich aber auch in Frage zu stellen, ob es sich wirklich um Bestien handelt, oder eine Spezies die selbst ums Überleben kämpft. Grandiose Spielorte sind die realen Kulissen ganzer Straßenzüge in der Bronx, die entweder eingefallen, oder zum Abriss bereits sind. Bizarr anmutende Orte die den Niedergang der menschlichen Zivilisation wiederspiegeln. Es sind perfekte, symbolträchtige Hintergründe für die Jagd der Wolfen. Eddie ist einer der Brückenarbeiter, und wird von Edward James Olmos mit furchteinflößender Intensität gespielt. Eddie bezeichnet die Wolfen als eine Nation, die das Gleichgewicht in der Natur regelt, welche der Mensch in seiner krankhaften Gier ohne Rücksicht zu zerstören gedenkt.
Doch „Wolfen“ ist zu keinem Zeitpunkt ein aufdringlicher Appell mit plumper Botschaft. Genau das macht den Film letztendlich auch so ansprechend. Seine Aussage funktioniert unterschwellig, und er konzentriert sich ganz auf seinen spannenden Aufbau und die Horror-Aspekte. Davon gibt es reichlich, und oft nicht für schwache Gemüter. Einige Male erschreckt der Film mit sehr detaillierten Aufnahmen, was Fänge von weiterentwickelten Wölfen anrichten können. Nach einem spektakulären Einstieg, nimmt sich „Wolfen“ zuerst einmal zurück, baut sich dann aber zu einem fesselnden Thriller auf, der den Grad der Spannung stetig erhöht. Die fließend bewegte Kamera simuliert extrem effektiv und mitreißend die Perspektiven und Bewegungen der Jäger.
Die spannungsgeladene Atmosphäre wird auch in ruhigeren, privaten Momenten der Protagonisten aufrecht erhalten. Mit ihren beunruhigenden thermografischen Bildern bestätigen Zwischenschnitte selbst hier die ständige Wachsamkeit jener tierischen Gefahr, die sich erst im letzten Lebensmoment eines Opfers offenbart. Allerdings wird es Spekulation bleiben, inwieweit die jetzt zweistündige Fassung von Richard Chew noch der Vision von Regisseur Michael Wadleigh entspricht. Zumindest hat er starke, klare und realistische Szenen inszeniert, aus denen ein unheimlicher, spannender, und durchaus intelligenter Horrorfilm geworden ist.
Darsteller: Albert Finney, Diane Venora, Gregory Hines, Edward James Olmos, Tom Noonan, Dick O’Neill u.a.
Regie: Michael Wadleigh
Drehbuch: Michael Wadleigh, David Eyre & Eric Roth
nach dem Roman von Whitley StrieberKamera: Gerry Fisher
Bildschnitt: Marshall M. Borden, Martin Bram, Dennis Dolan, Chris Lebenzon
Schnitt der Kinofassung: Richard Chew
Special Visual Effects: Robert Blalack
Musik: James Horner
Produktionsdesign: Paul Sylbert
USA / 1981
115 Minuten



