THAT’S WHY THE LADY IS A CHAMP

CHRISTY
– Bundesstart 03.09.2026
– Release 06.11.2025 (CAN)

Christy Salters Martin hat das Frauenboxen zum Profisport gemacht. Die erste Frau die von Don King unter die Fittiche genommen wurde. Eine Frau, mit einer derartigen Energie, dass sie im Vorprogramm von Mike Tyson gegen Frank Bruno, dem Hauptkampf die Show stahl. So eine Geschichte erzählt sich von selbst. Ein paar Prozent mehr Körperfett, eine dunkelhaarige Perücke, und braune Kontaktlinsen, und schon ist Sydney Sweeney kaum wiederzuerkennen, und wird Christy Martin. Und wie Martin hat auch Sweeney hat eine derartige Energie, dass sie dem Hauptprogramm die Show stiehlt. Der Charakter, den Sweeney in dieser Biografie zeigt, ist kaum mit dem zu vereinbaren, was und wie es der Film erzählt. Der australische „The Rover“-und-„The King“-Regisseur David Michôd scheint von allen bisherigen Sport-Biopics und Boxerdramen absolut unbeeindruckt, und versucht seinen eigenen Stil zu findet. Und kommt damit überhaupt nicht über die Runden.

Christy Salters ist Tochter aus einer Arbeiterfamilie in West Virginia, USA. Für ein paar Dollar versucht sie sich mit Boxen in Jahrmarktkämpfen. Der heruntergekommene Trainer Jim Martin erkennt ihr Talent und beginnt sich um Christy zu kümmern, die sich schnell einen Namen macht, und mit ihrem respektlosen Auftreten die Herzen gewinnt. Im Verlauf dessen macht der Regisseur auf unbeholfene Weise deutlich, dass Mentor und Trainer Jim nicht Christys Erfolg, sondern nur den persönlichen Vorteil im Sinn hat. Ben Foster ist eine gute Wahl für zwiespältige Typen, und er würde seinem Jim auch gerecht, wüsste der Regisseur etwas mit seinen Figuren anzufangen.

Lediglich in den Szenen wenn Jim Martin mit dem übermächtigen Don King zu tun hat – einfach großartig Chad Coleman – zeigt David Michôd etwas Einfühlungsvermögen für seine Charaktere. Die unausgesprochene, aber regelrecht spürbare Verachtung die King dem Provinztrainer Martin entgegenbringt ist erstklassig. Ansonsten bewegen sich alle beteiligten Figuren klar entweder auf der schwarzen oder weißen Seite. Dazwischen wird Sweeney darstellerisch hin und her geworfen, ohne ihre Nuancen zu nutzen, oder auf das emotionale Dilemma von Christy eingehen zu können. 

Christy 2 - (c) TOBIS Film

Der mehr als doppelt so alte Jim bringt Christy dazu ihn zu heiraten. Sie kämpft und siegt, verliert aber privat ihre Selbstbestimmung. Ihre verzweifelte Suche nach Hilfe bleibt ungehört. In diesem Rahmen wird Mutter Joyce (Merritt Wever) zu einer provinziellen Witzfigur, die nur darauf ausgelegt ist, verachtet zu werden. Alle anderen, die Christy in ihrer schweren Zeit von Unterdrückung und Missbrauch helfen könnten, bleiben erschreckend teilnahmslos. Man könnte argumentieren, dass es im Arbeitermilieu des Rust Belt eben so ist. Doch der Film bemüht sich nicht einmal, dass sozialen Umstände in Christys Leben und Umfeld angemessen zu artikulieren.

Christy Martin ist entweder Heldin oder Opfer. Was aber brachte die starke Frau dazu, sich einem derart widerlichen Frauenfeind und Ausbeuter anzuvertrauen, oder gar zu unterwerfen? David Michôd hat mit Mirrah Foukles das Drehbuch geschrieben, und sie haben dabei die Schichten vergessen. Schichten, welche die reale Christy Salters Martin nachvollziehbar und verständlich machen könnten. Sweeney spielt sie mit überwältigender Energie und mitreißender Traurigkeit. Nur das dem Regisseur dabei die Zwischentöne abhanden kommen, die dem Film auch im Gesamten fehlen. David Michôd lässt einfach die Inspiration für das Material vermissen.

Es gibt sogar die seit „Rocky“ unverzichtbare, und längst überholte Trainingsmontage. Und es gibt den mit Musik aufgebauschten Zusammenschnitt von Christys Siegesserie. Beide Montage erwecken den Eindruck, als hätte der Regisseur die unzähligen Vorbilder nie gesehen, und würde auch sonst kein Verständnis für Dramaturgie besitzen. David Michôd hat schon sehr gute eindrucksvolle Filme gemacht, warum er sich dann hier nur der absoluten Standards bedient – ohne eigene Ideen, ohne künstlerische Ambitionen – bleibt ebenso ein Rätsel, wie es dem Film schadet. Lässt man die 135 Minuten Film Revue passieren, ist das Leben und die Leistung von Christy Salters eine immens mitreißende Geschichte, was ein Mensch erreichen kann. Gleichzeitig es ist auch eine sehr bewegende Geschichte, wie fragil auch ein Mensch bisweilen ist. Sydney Sweeney schafft das. David Michôd wird dem nicht gerecht.

Christy 1 - (c) TOBIS Film


Darsteller: Sydney Sweeney, Ben Foster, Merritt Wever, Ethan Embry, Coleman Pedigo, Jess Gabor, Bryan Hibbard und Katy O’Brien & Chad Coleman u.a.

Regie: David Michôd
Drehbuch: David Michôd, Mirrah Foulkes
Kamera: Germain McMicking
Bildschnitt: Matt Villa
Musik: Anton Partos
Produktionsdesign: Chad Keith
USA / 2025
135 Minuten

Bildrechte: TOBIS Film
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