– Release 29.07.2026
Mysterio hat der Welt die wahre Identität von Spider-Man verraten. Tante May hat ihr Leben verloren. Und um seine besten Freunde, MJ und Ned, zu schützen, und die Welt weiterhin als Spider-Man vor dem Bösen zu bewahren, ließ Zauberer Dr. Strange die ganze Welt vergessen, dass Peter Parker Spider-Man ist. So startet dieser „Brand New Day“ in eine Zeit, in der Peter Parker einsam und allein in einem heruntergekommen Appartement an seinem Kostüm und der Spinnentechnik tüftelt. Nebenher hilft der dem New Yorker Police Department, Gangster und Super-Bösewichte dingfest zu machen. Ohne MJ, ohne Ned, die schon mehrfach von Spider-Man gerettet wurden, aber Peter Parker nicht kennen. Es kommt noch ein unsichtbarer und bisher unbekannter Feind in die Stadt, dessen Geist in jede beliebige Person springen und dessen Körper übernehmen kann. Für Peter kommen da gleich drei Probleme zusammen: Die unsichtbare Entität zu bekämpfen. Verbündete für den Kampf und Freunde fürs Leben zu finden. Und die unerwartete und gefährliche Evolution des eigenen Körpers.
Ist „Spider-Man: Brand New Day“ der beste Spider-Man Film? Ganz sicher nicht. Aber er ist der Erwachsenste. Auch wenn der Comic-Charakter mit seinen fantastischen Figuren und ausufernden Konfrontationen überwiegt, dominiert der menschliche Faktor (mit etwas Arachnide). Es sind im Grunde die wiederholten Themen von Verantwortung, Opfer, Trauma, und Identität. Aber selten waren diese so fokussiert und sensibel behandelt wie hier – vor allem Selbstaufgabe und Identität.
„Shang-Chi…“-Regisseur Destin Daniel Cretton geht zuerst einmal mit allerlei Superhelden-Action in die Vollen. Wie in den drei Teilen davor, haben wieder Chris McKenna und Erik Sommers das Buch geschrieben, und sie haben sich wirklich einiges an raffinierten Tricks und Wendungen für die Handlung einfallen lassen. Andere Marvel-Figuren halten Einzug, und sind durchweg plausibel und stimmig eingebunden. Nur bei der maßgeblichen Antagonisten-Figur hakt es ein wenig. Vorzüglich stark geschrieben und noch viel besser gespielt, funktioniert diese Figur sehr gut, und bildet einen verbindenden emotionalen Gegenpart zu Peter Parker. Das bedeutungsvolle Potential der Figur entfaltet sie allerdings nur, wenn man mit Marvel bewandert ist.
Die Action ist fast schon standardmäßig fabelhaft choreografiert, wie immer verbunden mit der Frage wie viel selbst ein genetisch veränderter Körper aushält. Während die visuellen Effekte weitgehend tadellos sind, bildet der Hulk eine unrühmliche Ausnahme. Der digital verwandelte Mark Ruffalo – als Bruce Banner mit gewohnter Nonchalance – macht als Hulk den Eindruck, als wäre der Rechner nicht fertig gewesen. Allerdings sind seine Szenen selbst so unterhaltsam aufregend inszeniert, dass es leicht fällt darüber hinwegzusehen. Was wäre ein Superheldenfilm ohne aufregend überzeichnete Action-Settings? Und Marvel liefert da stete Augenweiten.
Es ist eine gute, nachvollziehbare Geschichte, mit wundervollen Einfällen und starken Figuren. Sie haben sich alle weiter entwickelt, bleiben nicht im bequemen Status Quo. Spider-Man hat eigentlich immer gezeigt – schon zu Raimis Zeiten – dass die jetzt beklagten Ermüdungszustände beim Publikum nicht auf die Helden im Allgemeinen, sondern auf die Qualität der Filme zurückzuführen sind. Ein Problem also, dass „Spider-Man“ weitgehend fremd ist, und mit „Brand New Day“ noch ein ganzes Stück weiter weg geschoben wird. Und das ist in erster Linie auf die vielleicht nicht schnelle, aber dafür stete Entwicklung der Charaktere zurückzuführen.
Peter Parker ist einsam. MJ hat in den vier Jahren ohne Peter einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Nur Ned bleibt der stürmische Nerd, der aber auch einen männlichen Freund in seinem Leben vermisst. Als Ned ist Jacob Batalon gegenüber den Vorgängerfilmen etwas gesetzter und weniger aufdringlich, was nur positiv ist. Und Zendaya zeigt sich hier mit ihrer MJ teilweise emotionaler und tiefgründiger als in den meisten ihrer dramatischen Rollen. Autoren und Regie haben in der Beziehung großartiges vollbracht, und es tatsächlich geschafft starkes Charakterkino über das furiose Action-Abenteuer-Reihe dominieren zu lassen. So fokussiert, dass trotz der hier gegebenen 12er Altersfreigabe, sogar die Härte und Charakterzeichnung des eigentlich nicht jugendfreien ‚Punishers‘, Frank Castle, bewahrt bleibt.
Tom Holland wird das Schicksal ereilen, für immer auf Spider-Man festgelegt zu sein. Nicht weil Holland in anderen dramatischen Rollen nicht so gut gewesen wäre oder sein wird, sondern er in „Spider-Man: Brand New Day“ viel besser ist. Die jugendliche Unbeschwertheit des Peter Parker ist noch nicht verschwunden, aber hinzu kommen immer mehr Schichten an emotionalen Abwägungen und Prioritäten. Wie Holland diese Nuancen mit in die aufwühlende Action aufnimmt, macht letztendlich die mitreißende und zugleich bewegende Atmosphäre des Films aus.
Natürlich haben die Macher die vordergründige Kernkompetenz nicht vergessen. Die Vermischung von realen Kamerabildern und visuellen Effekten ist makellos, was zu einigen spektakulären Einstellungen führt. Und das erste Mal schaffen es die technischen Künstler, die physischen Kräfte und Erschütterungen durch das Netzschwingen mit Bildführung und über die Tonebene wesentlich realistischer zu verdeutlichen, und auch richtiggehend mit erlebbar zu gestalten.
Und bei allem – wie gewohnt – mitreißend inszeniertem Superhelden-Spektakel, ist „Spider-Man: Brand New Day“ eine bewegende Charakterstudie. In diesem Sinne wagen es die Macher auch, dass Finale ordentlich und überraschend gegen den Strich zu bürsten, auch wenn das einem erst später wirklich bewusst wird. Der Abspann setzt dann da noch einmal etwas drauf. Fragt sich nur, was es ständig mit dem Star-Wars-Merchandise auf sich hat. Der Lego-Todesstern ist im Film davor zu Bruch gegangen, schaffen sie es in diesem Teil den Lego-X-Wing fertig zu stellen? Ist dieser der bisher beste Spider-Man-Film? Wer weiß. Mit Sicherheit aber der erwachsenste.
Darsteller: Tom Holland, Zendaya, Jacob Batalon, Sadie Sink, Jon Bernthal, Tramell Tillman, Michael Mando und Mark Ruffalo & Florence Pugh u.a.
Regie: Destin Daniel Cretton
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers
Kamera: Brett Pawlak
Bildschnitt: Nat Sanders, Gina Sansom, Harry Yoon
Musik: Michael Giacchino
Produktionsdesign: Charles Wood
USA / 2026
145 Minuten


