– Bundesstart 17.09.2026
– Release 28.08.2026 (US)
Der Trick ist so alt wie das Kino selbst. Bereits 1918 durfte der gezeichnete Clown Koko in die reale Welt treten. Die Idee blieb, nur die Verfahren verbesserten sich. Disney – wer sonst? – macht 1944 mit „Drei Caballeros“ den ersten Spielfilm mit der Animation-Live-Action-Mischung, von denen sicherlich „Roger Rabbit“ seit 1988 bislang als Autorität verstanden wird. Der Looney Tunes-Knaller „Space Jam“ hat die Techniken noch einmal weiter in die Höhen getrieben, aber der hysterische Hase Roger blieb an Relevanz oben auf – was sich endlich ändern könnte. Mit Wile E. Coyote stellt sich der komischste und berührendste Darsteller im Hybrid-Genre vor. In dem Moment, wenn Anwalt Avery im Zorn brüllt, sein Klient würde den Road Runner niemals fangen, ist die Reaktion von Wile E. Coyote atemberaubend herzzerreißend. Es schlägt um Längen die Brennofen-Szene in „Toy Story 3“. Einfach grandioses Kino.
Schon im Produktions-Logo wird aufgeführt, dass Warner Bros. eine vollständige Tochtergesellschaft der ACME Corporation sei. Nicht unbedingt ein Grund den bereits ’23 gedrehtem Film auf Eis zu legen. Die Begründung der Steuerabschreibung ist dann aber noch viel schändlicher. 2025 konnte dann Ketchup Entertainment die Recht zum Vertrieb erwerben – darauf ein dreifach Hip, Hip, Hooray. ACME ist die American Corporation that Manufactures Everything. Die fertigen alle Gimmicks und Gadgets, die in der Cartoon-Welt für Spaß und Gewalt ohne Folgen sorgen.
Folgen haben die Gadgets aber für Wile E. Coyote – ihm gelingt es einfach nicht den Road Runner zu fangen, weil Acmes Geräte ständig versagen. Ob einfache Dynamitstangen, Magnethandschuh, Raketenrollschuhe, und vieles, vieles mehr, es richtet sich immer gegen den Benutzer selbst. Coyote beschließt das größte Unternehmen der Welt zu verklagen, und findet bei den Anwälten ‚Avery, Jones & Maltese‘ (Kenner verstehen den Querverweis) eine willige Kanzlei. Allerdings ist Kanzleivorstand Kevin Avery auf Vergleichszahlungen spezialisiert, und stand noch nie vor einem ordentlichen Gericht. Aber genau dort will Coyote hin – kein Geld, sondern Gerechtigkeit.
Wenn die Looney Tunes mit Michael Jordan Basketball spielen können, dann können sie auch einen angemessenen Gerichtsfilm. Und wie bei John Grisham, gibt es auch hier einen etwas anderen Richter, dramatische Plädoyers, und einen Überraschungszeugen – natürlich eingebettet im juristischen Kampf des Underdogs gegen einen übermächtigen Gegner. „May December“ Autorin Samy Burch hat das Buch nach einer Geschichte verfasst, die sie mit „Mortal Kombat II“-Schreiber Jeremy Slater und DCU-Kapitän James Gunn ersonnen hat. Ein Gespann, das seinen Job versteht.
Ja, dies ist ein gestandener Gerichtsfilm nach allen Regeln der stereotypen Kunst. Die Idee stammt von einem 1990 im New Yorker erschienen Beitrag des Bundesrichters Ian Frazier. Der witzig unterhaltsame Artikel wird heute noch ernsthaft in Juristenkreisen zitiert. Aber es ist eben ein Looney Tunes-Film, was natürlich noch viel mehr als nur ein paar Gerichtsbarkeiten mit sich bringt. Dieser Film ist eine der lustigsten Komödien der letzten Jahre, und der beste Looney Tunes-Film im Gesamten. Wer sieht wie abwechslungsreich der Film mit enormer Detailfülle gestaltet ist, dem wird auch der spitzfindige Hintersinn in vielen Szenen nicht entgehen.
Neben all dem Chaos, dem Unfug, dem sprudelndem Witz und der zu Herzen gehenden Momente, ist „Coyote vs Acme“ auch ein gutes Plädoyer gegen die Allmacht der Konzerne. Zum eigenen Besten stellt er das aber nicht demonstrativ als aktuellen Kommentar in den Vordergrund, sondern bleibt in erster Linie ein vergnüglicher Spaß. Ein Spaß, bei dem ausgerechnet eine animierte Figur der beste von allen Darstellern ist – ohne Übertreibung. Coyote kann dem Kanon der ‚Road Runner-Episoden‘ entsprechend auch hier nicht reden, aber wie die Animateure ihn derart viel mitteilen lassen – was sie sich überhaupt für ihn einfallen ließen – ist phänomenale Charakter-Animation.
Die realen Darsteller sind eher den Vorlagen eines unkomplizierten Familienfilms dienlich, und spielen angemessen das Spiel einer obligatorischen Komödie. Will Forte als Kevin Avery nimmt einiges von dem wieder weg, womit er sich als ernsthafter Dramatiker etablieren konnte. Lana Condor als dessen Tochter Paige erfüllt lediglich die unspektakuläre, aber sympathische Stimme der Vernunft. Von den menschlichen Darstellern ist Martha Kelly als Kanzleigehilfin die Beste, und mit ihrer melancholisch leiernden Stimme absolutes Gold.
Coyote hingegen dreht voll auf, mit zum brüllen komischen Einlagen und den schon erwähnten berührenden Momenten. Es ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, um wirklich alle pointierten Augenblicke erfassen zu können. Weniger geglückte Szenen in Inszenierung oder Spiel der anderen Akteure werden durch Coyote immer wieder relativiert. Ist bei Komödien und Familienfilmen eine Laufzeit ab 100 Minuten immer kritisch zu betrachten, verfliegen hier die 103 Minuten in erfrischender Kürze. Cutter Carsten Kurpanek lässt in der regelrecht treibenden Montage keinerlei Leerlauf, achtet aber streng darauf, dass Details nicht übersehen werden.
Gedreht wurde in New Mexico, USA, der Heimat des Wegekuckucks, den man im Allgemeinen als Road Runner kennt. Auch Handlungsort der unzähligen Cartoons, in denen Wile E. Coyote den Beep-Beep-Vogel vergeblich versucht zu fangen. „Nackte Kanone“-DOP Brandon Trost gibt dem Film in den Realaufnahmen auch diesen leicht überstrahlten Look von sengender Wüstensonne. Was sich gut mit den eingestreuten Animationssequenzen deckt. Die reinen Cartoon-Szenen sind nicht ganz, aber doch in einer vermeintlichen 2D-Animation umgesetzt, und gleichen sich auch immer wieder dem Stil der älteren Cartoons an. Die Hybrid-Aufnahmen sind tadellos. Man hat wirklich das Gefühl als würden sich die animierten Figuren körperlich im realen Raum befinden, und physisch mit den menschlichen Darstellern agieren.
Es gibt jede Menge Gastauftritte bekannter Figuren (bitte sehen sie selbst), die allesamt mit wichtigen Handlungselementen verbunden sind. Diese sind überraschend knapp gefasst und auf das Wesentliche beschränkt, was die Auftritte nur noch eindringlicher macht. Es ist eben ein Film, der keinen Leerlauf zulässt. Darüber hinaus geizt der Film auch nicht an Zitaten und Referenzen. Regisseur Dave Green hat viel aus den Erfahrungen mit seinen weniger überzeugenden Filmen mitgenommen. „Coyote vs Acme“ ist exzellentes Unterhaltungskino mit viel Tiefgang, urkomisch, technisch makellos, und jeder Menge perfekt getaktetem Nonsens. An dieser Stelle ist der Wunsch noch viel mächtiger, dass die Academy endlich eine Oscar-Kategorie für die besten animierten Darsteller einrichtet. Glückwunsch, Coyote, als erster Rezipient.
Zu Ian Fraziers lesenswerten New Yorker Artikel
Darsteller: Wile E. Coyote, Will Forte, Lana Condor, John Cena, Road Runner, Luis Guzmán sowie Eric Bauza und Candi Milo (Stimmen div. Charaktere) u.a.
Regie: Dave Green
Drehbuch: Samy Burch
nach einer Klage von Ian Frazier
Kamera: Brandon Trost
Bildschnitt: Carsten Kurpanek
Musik: Steven Price
Produktionsdesign: Steve Arnold
2023 / 2026
USA
103 Minuten


