SCREAM

Scream - Copyright PARAMOUNT PICTURES– Bundesstart 13.01.2022

Am Anfang kommt der obligatorische Telefonanruf. Oder ist er das gar nicht? Immerhin ist diese Reihe bekannt, beliebt und berüchtigt dafür, mit seinen eigenen Klischees wunderbar mörderisch umzugehen. Doch die Frage bleibt, „welcher ist Dein Lieblingshorrorfilm“. Seit Kevin Williamson und Wes Craven mit SCREAM das Genre und seine Sub-Genres neu definierten, hat sich das Horrorkino verändert. Das war vor 25 Jahren. Origineller Fakt des nutzlosen Wissens, SCREAM ’22 startet 25 Jahre und 25 Tage nach der Premiere des Originals. Das Genre hat sich also verändert, und die Protagonistin Tara beantwortet die Frage nach den Lieblingshorrorfilm mit THE BABADOOK, zieht aber auch eventuell THE WITCH in Erwägung. Intelligenten Horror eben, erklärt sie dem Anrufer, Filme die untermauert sind mit komplexen und emotionalen Themen. Das war in vorausgegangenen 4 Teilen schon immer ein bildendes und bindendes Element, das Genre stets zu hinterfragen. Aber genau daran scheitern die beiden Regisseure Bettinelli-Olpin und Gillett in den entscheidenden Momenten.

Ghostface meuchelt sich erneut durch Woodsboro. Eine neue Clique von schönen und vor allem filminteressierten Menschen scheint das Ziel. Das erste Opfer überlebt, und umgehend beginnt das Rätselraten nach Mörder und Motiv. Die Filmreihe innerhalb dieser Filmreihe ist bei STAB 8 angekommen, und unsere Protagonisten sind selbstverständlich bestens damit vertraut. Schließlich spielen alle STAB-Filme in Woodsboro, der Stadt in der sie alle aufgewachsen sind, und in der die verfilmten Grausamkeiten auch tatsächlich geschahen.

Nach dem, gelinde gesagt, mauen DEVILS DUE, haben sich das Regie-Duo Tyler Gillett und Matt Bettinelli-Olpin mit ihrem heiter, ironischen READY OR NOT richtig dicke Freunde gemacht. Ihr lockerer, aber stets auf das Wesentliche konzentrierter Inszenierungsstil, machte beide zu ideellen Kandidaten, die Reihe für eine jüngere Generation einzupflegen. Aus Gründen der Endlichkeit stand ja Regie-Ikone Wes Craven nicht mehr zu Verfügung, was auch Erfinder und Schreiber Kevin Williamson Abstand gewinnen ließ.

Scream 1 - Copyright PARAMOUNT PICTURES

Schon bei READY OR NOT haben Bettinelli-Olpin und Gillett die dramaturgischen Versatzstücke munter ins Gras beißen lassen. Doch was James Vanderbilt und Guy Busick als Drehbuch vorgelegt haben, macht es den Regisseuren merklich schwer. Die Autoren sind im Horror und der Phantastik alles andere als unbekannt, eher an der Spitze einzuordnen. Da kann die Versuchung natürlich sehr stark werden, dem Vermächtnis einmal zu zeigen, dass man noch tiefer schneiden kann.

Der Diskurs mit den Meta-Ebenen ist derart aufdringlich und überzogen, dass es an vielen Stellen nicht mehr originell oder spannend ist, sondern diese Struktur schlichtweg aufgesetzt und ermüdend wirkt. Auch wenn es in der Reihe ein alles bestimmendes Element ist. Die Selbstreflexion von SCREAM findet über STAB in die Handlung. Es geht um STABs acht Teile und wie Hollywood damit umgeht, und vor allem wie die Filmemacher mit den Erwartungen von Fans spielen. Das funktioniert noch immer ausgezeichnet, ist aber ausschließlich für Film Buffs von Interesse, und nur für solche auch nachvollziehbar.

Es gipfelt in zwei der dümmsten Spannungssequenzen die man in der Filmreihe bisher zu sehen bekam. Die eine beinhaltet ein Krankenhaus, in dem Ghostface eine ganze Krankenstation verdunkelt, was in keinem Krankenhaus der westlichen Hemisphäre möglich sein dürfte, auch nicht in Woodsboro. Und es gibt zum entsprechenden Zeitpunkt auch kein Personal und keine weiteren Patienten vor Ort. Die andere ist ein Mord der in Bewegungsablauf, Dialog, Personen und Örtlichkeit absolut identisch und sekundengenau parallel als Filmszene im Fernsehen zu sehen ist. Meta-Ebene in allen Ehren, und so viel Spaß das grundsätzlich auch macht, auf diese albern überzogene Weise will man das wirklich nicht sehen.

Scream 2 - Copyright PARAMOUNT PICTURES

Was man wirklich sehen will, sind die alten Recken Campbell, Cox und Arquette. Sie sind nicht das befürchtete Zugeständnis an ältere Zuschauer, sondern sehr stimmig der nächsten Generation an die Seite gestellt. Das Dreigestirn Sidney, Gail und Dewey sind keine veränderten Charaktere, aber die Darsteller lassen ihnen eine würdige zeitliche Reife zukommen. Aber weder Drehbuch noch Regie können ihnen diese ganz besonderen Momente geben, welche den verdienten Status der Charaktere untermauern würden. Auch wenn Dialoge über Meta-Ebenen eigentlich die Besonderheit der Figuren immer wieder betonen. Wenigstens hat Komponist Brian Tyler das von Marco Beltrami geschriebene Thema von Dewey wieder aufgegriffen.

Doch man sollte nie zu viel Salz auf die Wunde streuen. SCREAM hat alles was die Reihe bisher ausmachte, außer dem Blutgehalt vielleicht, der um einiges höher ist und auch wesentlich expliziter inszeniert wurde. Aber es gibt unendlich viele falsche Fährten, die einen vermeintlichen Täter erahnen lassen. Grundsätzlich haben Tyler Gillett und Matt Bettinelli-Olpin einen Slasher inszeniert, der mit wirklich guten Spannungs- und Tötungsszenen überzeugt, und dem gemeinen Horrorfan viel Freude bereiten wird.

Aber Tara, aus dem ersten Akt, würde diesen Film ihrem unheimlichen Anrufer nicht empfehlen. Dazu fehlt ihm einfach, was die jüngere Generation laut SCREAM scheinbar bevorzugt. Das ist der komplexe und emotionale Unterbau. Seltsam, wie sich ein Film mit dieser Meta-Spielerei dabei ins eigene Fleisch schneidet.

Scream 3 - Copyright PARAMOUNT PICTURES

 

Darsteller: Melissa Barrera, Jenna Ortega, Jack Quaid, Dylan Minnette, Mason Gooding, Jasmin Savoy Brown
und David Arquette, Neve Campbell Courteney Cox u.a.
Regie: Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett
Drehbuch: James Vanderbilt, Guy Busick
nach SCREAM von Kevin Williamson
Kamera: Brett Jutkiewicz
Bildschnitt: Michel Aller
Musik: Brian Tyler
Produktionsdesign: Chad Keith
United States / 2022
114 Minuten

Bildrechte: PARAMOUNT PICTURES
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