MOTHER MARY

Mother Mary - (c) LEONINE Studio– Bundesstart 21.05.2026
– First Release 16.04.2026 (GR)

Einige Male sprechen die Protagonistinnen in „Mother Mary“ über Metaphern. Es hilft, um bei verschiedenen Aspekten in der Handlung einen Bezug zu bekommen. Bis sich in den letzten Minuten des Finales herausstellt, der gesamte Film ist eine einzige Metapher. Filmemacher David Lowery ist ein ausgeprägt visueller Regisseur, und wenn er die Drehbücher zu seinen Filmen nicht selber schreibt, ist er mindestens Co-Autor. Lowery ist auch ein exzellenter Erzähler, wie „Ein Gauner & Gentleman“ oder die Remakes „Elliot – Der Drache“ und „Peter Pan & Wendy“ beweisen. Und dann hat sich der Filmemacher in seinem vorherigen „The Green Knight“ weit vom klassischen Erzählen entfernt. Was er jetzt mit „Mother Mary“ noch einmal überhöht. Doch anders als „Green Knight“, kann Lowerys jüngster Film mit seinen Mysterien spannend unterhalten.

Nach einem bizarren Unfall während eines Konzertes, hat Musik-Superstar Mother Mary längere Zeit nicht mehr auf einer ihrer opulenten Bühnen gestanden. Das bevorstehende Comeback belastet sie natürlich mental. Zum einen war das Video ihres Unfalls eine virale Sensation, und ließ die Frage offen ob es sich nicht doch etwa um einen Versuch von Selbstmord gehandelt haben könnte. Zum anderen fühlt sie sich in ihrem Gewand nicht wohl, und will ein Kostüm, das auch ihre Persönlichkeit repräsentiert. Sie sucht Sam Anselm auf, eine Modedesignerin, von der sich die Sängerin vor Jahren entfremdet hat. In Sams Landhausstudio kommt es während der Fertigung des Kostüms zu einer Aussprache, die alte Geister weckt und beider Leben neu definiert.

Im Film trennen sich oftmals Dialog und Aussage. Metaphern. Der Film trennt sich auch in zwei Teile. Die erste Stunde ist ein Kammerspiel artiges Stück, welches sich voll und ganz den beiden hervorragenden Darstellerinnen hingibt – ihren Figuren, ihre Beziehung, ihre Dynamik. Anne Hathaway gepeinigt von Unsicherheit, Verzweiflung, Angst und Reue. Michaela Coel selbstsicher und überheblich, aber getrieben vom Anspruch für das perfekte Kostüm. (Ich lehne mich jetzt politisch unkorrekt aus dem Fenster) Hathaways bleiches, feingliedriges Wesen und helle Haut gegen Coels dunkle, stets beeindruckende Züge sind an sich schon eindrucksvolle Gegensätze, doch erst ihr herausragend konträres Spiel bringt die Geschichte auf ihre wahre Ebene.

Anne Hathaway und Michaela Coel beobachten zu dürfen, ihren nebulösen Dialogen zu folgen, dass allein bringt eine mitreißende Spannung. In einem Film, der sich ansonsten darin gefällt, vieles in der Schwebe zu lassen und die Aufmerksamkeit zu fordern. Trotz aller visuellen und inszenatorischen Besonderheiten die Regisseur Lowery noch bereithält, ist zweifelsfrei Hathaways Tanz ein kaum zu übertreffender Höhepunkt. Die Modeschöpferin fordert ihre in Ungnade gefallene Freundin auf, die geplante Choreografie vorzutanzen, damit sie ein besseres Gefühl für den Schnitt des Kostüms bekommt – ohne Musik. Wie Hathaway schnauft und ächzt, wie ihre nackten Füße auf das Parkett schlagen, das ist pure Energie und auch brutal. Was auf der Bühne mit Musik eine mitreißende Eleganz genießt, wird hier zum körperlichen Wahnsinn. Die Metapher für den Preis des Erfolgs. Und das in einem beeindruckenden Bühnenbild von Sams Werkstatt, welches noch eindringlicher wirkt als das Design der Konzerte.

Mother Mary 2 - (c) LEONINE Studio

Was letztendlich wirklich zwischen den beiden vorgefallen ist, was sie verbunden hat und noch immer nicht loslässt, was sich all hinter den Metaphern verbirgt, dass erzählt David Lowery schließlich in der zweiten Hälfte. Einfach ist es nicht, bisweilen auch interpretierbar, und immer angefüllt mit einer unberechenbaren Atmosphäre. Hier wird eine Freundschaft beschworen, die für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist. Wie Beziehungen auch im realen Leben selten nachvollzogen werden können. Das der Film dabei auf eine gerade noch erträgliche Ebene des Body-Horror steigt, ist in Anbetracht der Geschichte und seiner komplexen Auflösung durchaus angemessen.

Die in Rückblenden gezeigten Konzertszenen sind von Taylor Swifts überladenen Bühnen-Shows inspiriert, wie der Regisseur in Interviews selbst bekundet hat. Es ist schlichtweg grandios. Das „Mother Mary“ dabei auffällige Parallelen zum Handlungsstrang des Horrorstreifens „Smile 2“ aufweist, kann getrost ignoriert werden (beide Sängerinnen sind nach einem Unfall von Angst vor ihrem Comeback in einem Stadionkonzert geplagt). „Mother Mary“ hebt die Nachbildung solcher Over-the-Top-Auftritte auf ein ganz neues Niveau. Wenn dann auch noch aktuelle Größen wie Charli XCX, FKA twigs und Jack Antonoff für die fiktive Figur Mother Mary sieben Original-Songs schreiben, dann wird aus der Illusion fast schon mitreißende Wirklichkeit.

Anne Hathaway macht sich nicht nur mühelos die Songs zu eigen, sie bekommt auch eine Aura ähnlich ihrer realen Kolleginnen Swift, Beyoncé, Pink, oder eben Charli XCX und FKA twigs. Vielleicht sollte Hathaway – wie einst Spinal Tap – als Mother Mary auf Tour gehen. Wäre nicht nur für Filmbuffs eine fantastische Erfahrung. Bis dahin kann mit David Lowerys „Mother Mary“ im Kino vorliebgenommen werden. Ein nervenzerreißender Hybrid von Psychodrama, Horror und Musikfilm.

Mother Mary 1 - (c) LEONINE Studio


Darsteller: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Sian Clifford, FKA twigs u.a.

Regie, Bildschnitt & Drehbuch: David Lowery
Kamera: Andrew Droz Palermo, Rina Yang

Musik: Daniel Hart
Songs: FKA twigs, Jack Antonoff, Charli XCX
Produktionsdesign: Francesca Di Mottola

Großbritannien, Finnland, Deutschland, USA
/ 2026
112 Minuten

Bildrechte: LEONINE Studios
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