AMARGA NAVIDAD
– Bundesstart 30.07.2026
– First-Release 20.05.2026 (ESP)
Die Besprechung von Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ auf dieser Seite begann mit den Worten: Vermarktet wird „Leid und Herrlichkeit“ als fiktionale Autobiografie… – das lässt natürlich einige Interpretationen zu. Bereits 1977 hat Autor Serge Doubrovsky den Begriff Autofiktion geprägt. Ein Begriff, der auf die meisten Filme von Pedro Almodóvar zutrifft, aber seit „Leid und Herrlichkeit“ besonders tiefe und auch offensichtliche Parallele zum Leben und der Karriere des spanischen Filmemachers zeigen. Wie viele seiner Drehbücher, beruht auch „Bitteres Fest“ auf viele Jahre zurückgreifende Entwürfe. Seine Filme brauchen, und sind entsprechend komplex. In „Bitteres Fest“ gibt es im Jahr 2004 die Regisseurin Elsa, die anstrebt ihren dritten Film zu schreiben. Parallel erzählt Almodóvar die Geschichte des Regisseurs Raúl im Jahr 2025, der wieder einmal an einem Drehbuch schreibt. Wie beide Geschichten verflochten sind, ist wahrlich nicht schwer zu erahnen. Was den Film jedoch ausmacht, ist das was jede der beiden Geschichten zu erzählen hat.
Es sind Geschichten über Freundschaft, aber auch Verrat, um Selbstaufgabe und Selbstverwirklichung. Zum Schreiben flieht Elsa von Madrid in ihr Feriendomizil auf Lanzarote – zusammen mit ihrer Freundin Patricia, die wegen einer Trennung schmerzliche Zeiten durchlebt. In der Zeitebene 22 Jahre später, nimmt sich Raúls Managerin Mónica wegen eines Schicksalsschlages eine Auszeit. Parallel schreiben Elsa und Raúl an ihren Drehbüchern, doch in diesen Büchern vermischen sich immer mehr reale Begebenheiten mit den kreativen Fiktionen.
Der Vertrauensbruch von Raúl im Jahr 2025 scheint weit weniger explizit und dramatisch. Für Mónica ist er allerdings immens, als sie erfährt, dass der Regisseur ihr hartes Schicksal künstlerisch ausschlachten will. Wesentlich drastischer – und auch rücksichtsloser – ist Elsa 21 Jahre früher, wenn sie Patricias Unglück verarbeitet. Zu diesem Zeitpunkt haben wir als Zuschauende längst verstanden, dass es sich bei Elsa um das semi-fiktive Alter-Ego von Raúl handelt.
In seiner Selbstreflexion beschreibt Raúl sein weibliches Pendant Elsa im Drehbuch kälter und strikter als er sich im Heute selbst wahrnimmt. Rechtfertigung findet er in der eigenen Tragödie mit dem Tod der Mutter, übersieht aber dabei völlig, wie verletzend sein Drehbuch sein wird. Die Realität beginnt langsam die Fiktion zu überlagern – Raúl ist mit seiner Einkehr noch lange nicht zu einem inneren Frieden gelangt. Ob diese Reise jemals befriedigend zu Ende geht, bleibt ungewiss, weil es eben in erster Linie die Geschichte des Filmemachers Pedro Almodóvar ist. Der Filmemacher reflektiert in seinen Filmen sehr viel, aber mit 77 Jahren eben noch nicht alles.
Doch „Bitteres Fest“ ist kein simples Drama, welches sich mit schweren Dialogen beschäftigt. Der Film erzählt sich mit vielen Metaphern, und vielen Ebenen, in denen es nicht nur dieses eine Problem gibt. Sorgen treffen auf Befindlichkeiten, und erzeugen neue Schwierigkeiten. Der Tod der Mutter, verletztes Vertrauen, empfindliche Beziehungen, der Tod, Identitätskrisen. „Bitteres Fest“ ist typischer Almodóvar: Mit seinen menschlichen Komplexen, mit einer Auswahl seiner bevorzugten Darsteller, und der unerschütterlichen Leichtigkeit in der radikalen Direktheit seiner Figuren.
Das erste Mal im Team ist Pau Esteve Birba, der mit seiner Kamera eine klare Bildsprache findet. Kraftvolle Farben, starke Kontraste, und Einstellungen ohne Spielereien. Die Bilder sind weitgehend neutral, so das sich jede Kameraperspektive voll auf die Figuren fixiert. Das ist keineswegs langweilig, sondern lässt wunderbar Zeit den Darstellern zu folgen und sie zu beobachten. Das ist nicht nur spannend und durchweg unterhaltsam – aber nicht allein wegen der fabelhaften Bárbara Lennie, die als Elsa gerade wegen ihres nüchternen Pragmatismus einfach mitreißend ist. Sondern weil Elsa das eigentliche Alter-Ego des realen Regisseurs Almodóvar ist, und eben nicht Raúl.
Die wahre Stärke von Almodóvar sind seine Frauen. „Alles über meine Mutter“, „Volver“, „Parallele Mütter“, etc. Er überträgt seine persönlichen Erfahrungen, Schmerzen, Empfindungen, und auch Hingabe und Passion, die Liebe, den Hass, seine Leidenschaften sehr gerne auf Frauenrollen. Und er spielt dabei außergewöhnlich stark mit Metaphern. In seinem offensten und direktesten autofiktionalen „Leid und Herrlichkeit“ ließ sich der queere Spanier noch von Antonio Banderas verkörpern – metaphorisch. „Bitteres Fest“ kann durchaus als Weiterführung davon gesehen werden, der in der Autofiktionalität sogar etwas weiter geht. Denn jetzt übernimmt wieder eine Frau die Rolle des Filmemachers, in der einnehmenden Gestalt von Bárbara Lennie. Nicht das Almodóvar damit etwas über seine Sexualität aussagen will. Ganz im Gegenteil, er gibt seiner persönlichen Erfahrungswelt eine wundervolle Universalität.
Darsteller: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Lengo, Patrick Criado u.a.
Regie & Drehbuch: Pedro Almodóvar
Kamera: Pau Esteve Birba
Bildschnitt: Teresa Font
Musik: Alberto Iglesias
Produktionsdesign: Antxón Gómez
Spanien / 2026
111 Minuten

