GOOD BOY – HEEL

Good Boy Heel - © X Verleiha.k.a. HEEL
– Bundesstart 04.06.2026
– First Release 05.05.2026 (IT)

Beitrag der Fantasy Filmfest Nights
18.04.16 – Cinecitta, Nürnberg

Chris ist ein liebender Vater, ein rücksichtsvoller Gatte, die Höflichkeit in Person. Der zehnjährige Sohn Jonathan steht ihm in nichts nach. Sie haben ein großes Anwesen auf dem Land. Sie wohnen in einem der ordentlichsten Häuser, die man sich vorstellen kann. Geputzt wird nur mit Öko-freundlichen Mitteln. Es ist ein Zero-Waste-Haushalt. Nur Mutter Kathryn erscheint krank und unpässlich. Das liegt aber nicht an Tommy, der im Keller mit Stahlband um den Hals an die Wand gekettet ist. Im Gegenteil, je länger Tommy im Keller verweilt, desto mehr blüht Kathryn auf. Kein Zweifel: Es ist eine eigenwillige Familie. Und es ist ein eigenwilliger Film. Der Pole Jan Komasa hat bereits 2019 das Drehbuch bekommen, welches ursprünglich in Warschau angesiedelt war. Letzten Endes erweist es sich als unwichtig wo der Film spielt, so oder so nimmt es ihm nichts von seiner unbehaglich gruseligen Atmosphäre.

Der neunzehnjährige Tommy hat bisher nichts ausgelassen in seinem Leben. Jeden Abend Party, Drogen, Alkohol, Schlägereien aus Jähzorn, rücksichtsloses Fahren, tyrannisieren von Kindern. Alles gefilmt, und von Tommy selbst ins Netz gestellt. Und in einer Nacht dann zu viel von Allem, Tommy bricht auf der Straße zusammen. Zeit für Chris und Kathryn, Tommy bei sich aufzunehmen – wenngleich gegen seinen Willen. Festgekettet im Keller, soll ihm Respekt und Benehmen beigebracht werden.

Jan Komasas Film beginnt mit einem holprigen Start, der sich zu lange mit Tommys Exzessen beschäftigt. Niemand geht derart unbedarft ins Kino, um nicht zu wissen, was es mit dieser Ausgeburt an abscheulichem Menschen auf sich haben wird. Doch im Keller der Familie kommt der Film überraschend schnell zur Sache – klärt den Status Quo und die Figuren. Es ist eine makabre Prämisse, mit ebenso skurrilen Menschen. Der Film gewinnt eine ungewöhnlich fesselnde Spannung, weil er in der ersten Stunde nicht erkennen lässt, in welche Richtung Komasa seine Geschichte führen wird.

Obwohl Tommy ein verachtenswerter Typ ist, macht das Chris, Kathryn und sogar Jonathan nicht weniger fragwürdig. Sie stellen voran, ihren Delinquenten von seinen schlechten Manieren, gefährliche Aktionen, und bösartigen Gedanken befreien zu wollen. Doch immer wieder ergeben sich Situationen oder fallen Dialoge die auch sehr gut eine andere Richtung in den Absichten offenbaren könnten. Ohnehin sehr speziell in seinem Verhalten, wirkt Chris bisweilen wie eine wandelnde Zeitbombe. Wesentlich fragwürdiger bleibt allerdings der Wandel in Tommys Umgangsformen. Eine tiefgreifend psychologische Abhandlung sollte allerdings niemand erwarten.

Good Boy Heel a - © RPC Good Boy Limited Skopia Film

Der Gefangene wird ständig mit seinen eigenen Videos konfrontiert. Er muss Bücher über Moral und Anstand lesen, wie „Wer die Nachtigall stört“ oder „Stolz und Vorurteil“. Oder es gibt äußerst brutale Prügel-Attacken bei unverschämten Verhalten. Dem entgegen beginnt Kathryn immer mehr aufzublühen, bekommt wieder Farbe im Gesicht, redet und lacht auch mehr. Für das Publikum entwickelt sich ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel, wer zuerst seine wahren Intentionen verrät. Wirklich vertrauenswürdig entwickelt sich keiner der Beteiligten. Allerdings geht der Geschichte zum Ende hin die Luft aus, und die Auflösung ist alles andere als originell.

Zum Teil auch Dank der starken Darsteller kann der Film bis zum Schluss bei Laune halten. Bis auf Stephen Graham, der bei seinen Stereotypen des harten Kerls besser aufgehoben ist, als sich hier an einem sensiblen Psychopathen wie Chris zu versuchen. In der Rolle von Kathryn hingegen, ist die Wandlungsfähigkeit von Andrea Riseborough im Verlauf des Films geradezu irritierend wundervoll. Was ihre Figur noch viel krankhafter erscheinen lässt. Doch die wirkliche Überraschung ist der im Film zehnjährige Kit Rakusen als Jonathan, bei dem man in jedem Lächeln und in allen wohlwollenden Worten den eigentlichen Terror vor seinen Eltern zu spüren vermag. Da hat es Anson Boon als Tommy letztendlich ziemlich schwer, der sein Scheusal mit heißblütiger Glaubwürdigkeit spielt, dann aber doch im schematischen Unhold stecken bleibt.

Bartek Bartosik und Naqqash Khalid, die zusammen das Drehbuch geschrieben haben, ist eine wirklich herrlich befremdliche und schauerlich absurde Geschichte gelungen, die zum Schluss hin nicht wirklich zu Ende gedacht scheint. Jan Komasa macht – soweit möglich – einen spannenden undurchsichtigen Thriller daraus. Letzten Endes fehlen ihm aber auch eigene Ideen und inszenatorische Kniffe, die absurde Geschichte angemessen zum Abschluss zu führen. Es gibt noch eine vielversprechende Nebenhandlung mit einer Haushälterin, die vollkommen im Sand verläuft. Diese Nebenhandlung und die Hoffnung auf ein (metaphorisch) explosives Ende halten die Spannung hoch. Da verlässt man zum Schluss dann doch etwas enttäuscht den Kinosaal.

Good Boy Heel b - © RPC Good Boy Limited Skopia Film


Darsteller: Stephen Graham, Anson Boon, Andrea Riseborough, Kit Rakusen, Monika Frajczyk u.a.

Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid
Kamera: Michal Dymek
Bildschnitt: Agneszka Glinska
Musik: Abel Korzeniowski
Produktionsdesign: Fletcher Jarvis
Großbritannien, Polen / 2025
110 Minuten

Bildrechte: X Verleih / RPC Good Boy Limited Skopia Film
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