I SWEAR
– Bundesstart 28.05.2026
– First-Release 10.10.2025 (GB)
Preview 27.04.2026, Cineplex, Fürth
Dies ist die wahre Geschichte von John Davidson, bei dem sich Anno 1983 im Alter von zwölf Jahren das erste Mal Tourette bemerkbar machte – mit steigender Ausprägung.
Dies ist der erste Film von Regisseur und Autor Kirk Jones seit neun Jahren, der am liebsten Filme über gewöhnliche Leute und deren ungewöhnliche Probleme macht – und dieser Film ist mit Abstand sein bisher Bester.
Dies ist ein Film mit Robert Aramayo, der den meisten Zuschauenden aus „Herr der Ringe: Ring der Macht“ bekannt sein dürfte. Aramayo tut sich trotz aller Bekundungen immer noch schwer, den Menschen verständlich zu machen, dass er nicht von Tourette-Syndrom betroffen ist. Die Verwirrung ist verständlich, wenn man Robert Aramyao in „Verflucht Normal“ gesehen hat, auch wenn man selbst noch nicht mit einem Betroffenen zu tun hatte. „Verflucht Normal“ ist sein Film, allerdings als Vertreter für Betroffene – wie es sein Charakter im wirklichen Leben ist.
Die Familie Davidson wohnt in Galashiels, Schottland. Als der zwölfjährige John 1983 mit den ersten Tics beginnt, findet Tourette als Krankheit noch nicht einmal Akzeptanz. Als seine Kolopralie dazu kommt, der unkontrollierbare Ausstoß von extrem unangebrachten Wörtern oder Sätzen, muss er alleine vor dem Kamin essen. In der Schule wird er gemoppt und verprügelt. John ist der verrückte Junge aus der Nachbarschaft. Schließlich bekommt er beruhigende Medikamente, die bedingt die Tics unterdrücken. Dennoch schaffen es die Eltern einfach nicht mit Johns Kondition umzugehen.
Zweifelsfrei bestimmt Robert Aramayo den Film. Doch es ist Scott Ellis Watson, der den jüngeren John spielt und für Aramayo die Grundlage schafft. Watson ist phänomenal in seinem ständigen Dilemma, die Veränderung in seinem Körper nicht zu verstehen, aber damit umgehen zu müssen. Die Medikamente helfen nur bedingt. Als sein bester Freund nach einigen Jahren aus Australien zurückkehrt, nimmt dessen Mutter, Dottie, John in der Familie auf. Dottie hat als Krankenschwester für psychisch Kranke das Herz am rechten Fleck sich um John zu kümmern.
Es ist eine zutiefst tragische Geschichte, dass es wirklich erstaunt mit welch lockerem Ton und durchaus auch aberwitzigem Humor Kirk Jones seinen Film erzählt. Manchmal macht das bestimmte Szenen noch dramatischer. Wenn sich John zum Beispiel das erste Mal bei seiner Gastfamilie ohne Worte zum Essen vor den Kamin setzt, oder seine leibliche Mutter die Tics und Ausdrücke weiterhin unglaublich peinlich findet, selbst wenn die Nachbarschaft Johns Kondition längst akzeptiert hat. Kirk Jones nimmt keinerlei Rücksicht darauf, ob wir nun mit John lachen, oder über ihn, und wann Lachen überhaupt angebracht ist. Das macht den Film so befreiend zugänglich.
Was über die technisch-künstlerischen Aspekte von Kameraführung, Bildmontage und Musik zu sagen ist, könnte man als zweckmäßig bezeichnen. Dennoch sind diese Aspekte auch hier zweifelsfrei wichtig, wird aber von Jones in dem Sinne genutzt, die Geschichte fokussiert über seine Darsteller zu erzählen. Und die erzählt er ohne Leerlauf – mit Ruhe an den passenden Stellen, und Zeitsprünge wenn sie sich anbieten. John läuft einige Mal in die Falle, zu glauben, er könnte seinem Leben so normal nachgehend wie andere auch. Das sind auch Momente, die meist tatsächlich schreiend komisch sind. Aber er kommt zu der Erkenntnis, die den Film letztendlich überschreibt: Nicht Tourette ist das Problem, sondern das die Leute viel zu wenig darüber wissen.
John beginnt andere Menschen mit Tourette zu treffen (die Auto-Szene ist ein Instant-Klassiker), er gibt Vorträge bei der Polizei und in Schulen. Ein Engagement das soweit führt, dass John Davidson eines Tage vor der Queen steht. Auch wenn wir noch nie mit einem Betroffenen direkt zu tun hatten, erzeugt Robert Aramayo bei uns ein tiefgreifendes Verständnis für das Syndrom. Und zumindest für die Figur des John Davidson entwickeln wir ein verblüffendes Gefühl der Normalität für Tourette.
Bei nur ca. 30% der Betroffenen steht das Tourette-Syndrom in Verbindung mit Koprolalie, der unkontrollierbare Zwang zu fluchen oder Fäkalsprache auszustoßen. Ziemlich beiläufig funktioniert der Film also auch als interessantes Lehrstück. „Verflucht Normal“ ist keine Biografie wie all die unzähligen anderen Biografien, über so viele andere besondere Menschen. Auch wenn Kirk Jones in seiner Inszenierung eigentlich genau der Struktur all dieser anderen Biografien folgt. Wer aber „Verflucht Normal“ gesehen hat, versteht seine wohltuende Besonderheit.
Darsteller: Robert Aramayo, Maxine Peake, Scott Ellis Watson, Shirley Henderson, Peter Mullan u.a.
Drehbuch & Regie: Kirk Jones
nach dem Leben von John Davidson
Kamera: James Blann
Bildschnitt: Sam Sneade
Musik: Stephen Rennicks
Produktionsdesign: Sabrina Linder
Großbritannien / 2025
120 Minuten

