– Bundesstart 23.07.2026
– First-Release 10.07.2025 (CZE)
Am Anfang steht ein roter Sattelschlepper mit silbernen Anhänger. Pralle Mittagssonne. Die Einstellungen zieht sich weit über eine Minute hin. In der Nacht sind aus dem Anhänger menschliche Hilferufe zu hören. Wenn sich die Ladetür öffnet, kann aus der Menge eingepferchter Immigranten ein Mann in die Nacht fliehen. Es ist der mexikanische Ballett-Tänzer Fernando, der später an einer Tankstelle eine Mitfahrgelegenheit nach San Francisco suchen wird. Im Hintergrund eine große vielbefahrene Kreuzung, und ohne das es in den Fokus gerückt wird, queren sich dort drei identische rote Sattelschlepper mit silbernen Anhängern auf der Straße. Es ist ein starkes Bild, ein bezeichnendes Bild, auch wenn es nebensächlich wirkt. Es geht um die Normalität und das massive Geschäft mit illegalen Einwanderern. Es ist ein Bild das verpufft, seine Bedeutung verliert, mit dem Regisseur und Autor Michel Franco schlichtweg nichts anzufangen weiß. Wie er mit vielem nichts anzufangen weiß, in diesem blutleeren Film.
Jennifer McCarthy ist eine Dame aus der gehobenen Oberschicht, und sie findet Fernando in ihrer spartanisch eingerichteten Luxusvilla – und sie haben Sex. Im Aufbau der Szene ist nicht erkenntlich, ob Fernando in die Villa einbricht. Anstatt eine verführerische Spannung aufzubauen, bleibt der Szenenablauf uninteressiert distanziert. Der Sex in seiner unerwarteten Freizügigkeit überrascht aber auch nicht. Michel Franco hat mit seinen vorangegangenen Filmen „Sundown“ und „Memory“ exzellente Charakterstudien mit atmosphärisch unterstützenden Kamerabildern geschaffen. Wie bei diesen beiden Beispielen, ist Yves Cape auch hier für die Bildgestaltung verantwortlich. Und die ist – wie die Geschichte selbst – kühl und seelenlos.
Allem Anschein nach scheint Michel Franco eine Art Antithese zu seinen vorherigen Filmen schaffen zu wollen. Es gibt keine ausgeformten Charakterzeichnungen, die Dialoge sind ohne Tiefe auf das Notwendigste beschränkt, Konfrontationen wirken erzwungen und dennoch kraftlos. Jennifer führt mit ihrem Bruder die Stiftung des philanthropischen Vaters. Dazu zählt auch eine Ballettschule in Mexico City. Scheinbar haben sich Jennifer und der aufstrebende Tänzer Fernando dort kennen gelernt. Jetzt will er sein Glück in San Francisco versuchen. Nicht nur der Altersunterschied beginnt Probleme zu machen, sondern auch Jennifers Position in der Oberschicht.
Nüchtern, ohne unterstützende Musik oder erzählender Kamera, wird gemächlich eine Geschichte von Abhängigkeit, Unterwerfung und Dominanz verfolgt. Die reiche, aber auch ältere Jennifer genießt ihre Kontrolle über den stürmischen Fernando. Später wird sich der Tänzer davon lösen. Und noch viel später drehen sich die Verhältnisse. Dabei bleibt der Erzähler Franco in seinem Film immer im Jetzt verankert. Wir erfahren nichts aus der Vergangenheit der einzelnen Figuren. Wir erfahren nicht einmal, mit was die Familie McCarthy ihr Vermögen gemacht hat. Aber das Schlimmste von allem: Wir erfahren auch nicht was sich diese Menschen für die Zukunft bewegt.
Keine Frage, dass Jessica Chastain mit ihrem Aussehen viel Aufmerksamkeit erregt. Doch es ist ihre unbeschreibliche Präsenz mit der sie in ihren Figuren verankert ist, die aus Schauspiel ein Erlebnis macht. Für gewöhnlich, denn anders als in dem auch von Franco inszenierten „Memory“, bekommt Chastain hier keine Aufgabe. Das macht es dem realen Tänzer Isaac Hernández in seiner ersten Hauptrolle nicht leicht. Hernández überzeugt wie seine Leinwandpartnerin durch seine charismatische Ausstrahlung – weswegen er direkt nach einer Ballett-Vorstellung gecastet wurde – wirkt aber neben Chastain etwas verloren, weil er ebenso wenig zu tun bekommt.
Auch zwei deftige Sex-Szenen werten da den Film nicht auf, die beide in einer einzigen festen Einstellung am Stück gedreht sind. Oder auch das Finale trägt mit seiner sexuell aufgeladenen Konfrontation nicht wirklich zum erotischen Thriller bei. Dazu sind die Figuren – trotz ihrer willigen Darsteller – zu eindimensional, die Handlung eintönig, die künstlerische Umsetzung schlichtweg uninteressant. Und dann gibt es mit Rubert Friend und Marshall Bell zwei erstklassige Darsteller, die nicht einmal als gute Stichwortgeber Verwendung finden. Michel Franco hätte sich intensiver Gedanken darüber machen müssen, was „Dreams“ werden soll. Von allem ist er jetzt nichts.
Darsteller: Jessica Chastain, Isaac Hernández, Rupert Friend, Marshall Bell u.a.
Regie & Drehbuch: Michel Franco
Kamera: Yves Cape
Bildschnitt: Óscar Figueroa, Michel Franco
Produktionsdesign: Alfredo Wigueras
Mexiko, USA / 2025
98 Minuten

